Lisieux liegt schon im Zentrum der Normandie und wir fahren nun der Küste dieses grünen Landes entgegen. Die Straße führte mit Senkungen und Steigungen durch eine abwechslungsreiche, schöne Landschaft von Wäldern und Wiesen. Getreidefelder fehlten in diesem Bild, um so mehr Apfelbäume gab es dafür. Die Normandie ist keine Kornkammern Frankreichs, es wird dort vorzugsweise starke Vieh- und Milchwirtschaft betrieben (Camembert ist eine normannische Spezialität), es ist das Land des Cidre, jenes schwachen, sauren Apfelweins, der den Durst so gut löscht und so gesund ist, und des Calvados, des daraus gebrannten Apfelschnapses, dem rheinischen Trester ähnelnd. Der Calvados ist die zentrale Landschaft der Normandie, eben die, in der wir uns nun häuslich niederlassen sollten, und hier braut man aus dem harmlosen Cidre einen sechzig- bis siebzig-prozentigen Apfelschnaps, der in der Jugend wasserhell ist und im Alter goldgelb wird. Alle Alten Leute der Normandie schwören auf den Calvados, trinken ihn pur oder im Kaffee, um ihren Haken gesund zu halten, wie sie behaupten. Viele Fremde, die hier erst den Calvados kennen lernen, huldigen im Übrigen der Ansicht, dass nur eine durch und durch gesunde Natur größere Mengen dieses teuflisch-scharfen Schnapses auf die Dauer vertragen kann.
Halten wir uns nun nicht länger mit den Apfelbäumen auf, die überall stehen und eine derartige alkoholische Funktion ausüben. Es lohnt sich auch, die Landschaft anzuschauen, denn sie ist schön, die Ortschaften sauber und freundlich. Groß gewachsene, gut aussehende, blonde Menschen leben hier, sieht man sie an, fühlt man sich fast zu Hause. Wir sind durch ein kleines Dorf gekommen. Lauter kleine, bunte, einstöckige Häuser, alle mit Wein, Klematis oder Rankrosen bewachsen. Ein idyllischer Friede liegt darüber, ein sommerliches Summen zieht durch die durch sonnte Luft.
Über kleine Flüsse, durch romantische Schluchten, die mit hohen Bäumen bestanden sind, führt unsere steile Straße, dann sind wir angekommen. Dozulé, der Marktflecken unweit der Küste, ist erreicht. Man verzeihe mir die vielen Bemerkungen, die auf leibliche Genüsse hinzielen, aber die kleine Patisserie des Herrn Comecon mit ihrem winzigen Salon de Thé muss ich doch erwähnen. Diese Konditorei nahm uns beim ersten Anblick gefangen und hat uns nicht wieder losgelassen, solange wir bei Dozulé lagern.