Archiv für die Kategorie ‘Allgemein’

Neuer Tag

Dienstag, 04. Mai 2010

Was bringt der neue Tag?

Er bringt zuerst den herzlichen Abschied von unseren Wirts Leuten, deren „Bonne Chance” sicherlich aufrichtig gemeint ist. Ihr Frühstück hat uns vorzüglich gemündet und wir hatten Schwierigkeiten, Maidame zur Annahme einer kleinen Aufmerksamkeit zu bewegen.

Die Wagenkolonne fährt gemächlich, es sind ja heute nur schäbige 35 km zu bewältigen. Am Ziel muss ich sofort als Dolmetscher ans Verhandeln gehen, denn das Chateau, in das unser Stab heute zieht, ist ein schwieriger Fall, wie ich sogleich merke, denn die Schlossherrin ist weniger als unliebenswürdig, sie ist eine Megäre in sehr ansprechender Verpackung. Ihr Mann ist unterwegs, wie sie sagt, vielleicht zu unserem Pech, denken wir. Denn mit jedem Mann muss das Verhandeln über Notwendigkeiten angenehmer sein als mit dieser bösartigen Frau. Drei, vier Offiziere will sie wohl aufnehmen, aber Mannschaften! Stellen Sie sich doch nur vor, wie die das Haus zurichten. Es ist ein gepflegtes Haus, das ich mir nicht ruinieren lassen will!

Natürlich muss Maidame auch Mannschaften aufnehmen, denn ihre blödsinnigen Vorurteile interessieren uns herzlich wenig. Was im Schloss keinen Platz hat, wird in den Nebengebäuden untergebracht.

Plötzlich rast Maidame zum Fenster: die Pkw sind in den Schutz der Bäume auf den Rasen gefahren. „Sehen Sie das, sehen Sie das! Die Wagen müssen sofort auf den Kiesweg fahren, kein Auto darf mehr auf den Rasen kommen!

Sie erhält eine kurze Belehrung, dass Zeit ist und uns demzufolge die Fliegerdeckung für unsere Fahrzeuge als wichtiger erscheint als die Pflege von Madams kostbarem Rasen. Sie verlässt uns ganz unvermittelt, ohne Antwort, denn ihr scharfes Ohr hat aus der Küche im Souterrain Geräusche vernommen. Sie eilt also dorthin. Wir benutzen die momentane Bewegungsfreiheit, um auch die anderen Räume des Chateau anzusehen, die Maidame uns nicht gezeigt hat. Die Einrichtung ist ganz nett, aber ein leichter Hauch von „Neureich” liegt über dem Ganzen. Platz genug haben sie jedenfalls, so dass sie unsere Einquartierung überstehen werden. Besonders gut gefällt uns das Studio von Monsieur. Wir betrachten interessiert einige gute englische Stiche, werden aber in dieser höchst harmlosen und friedlichen Beschäftigung von Maidame gestört, die inzwischen dem Treiben der Ordonnanz in der Küche mit geringem Erfolg entgegenzutreten versucht hat, um zu kontrollieren, was für gemeine Pläne wir wieder durchführen wollen. Sie schmeißt uns geradezu aus dem Herrenzimmer hinaus und behandelt uns von nun an, als hätten wir silberne Teelöffel gestohlen. Es ist schwierig, mit solch einer Megäre zu verkehren, denn sie ist ja nun einmal eine Frau, und gegen Frauen ist man ja in gewisser Hinsicht wehrlos.

Der Abend

Montag, 03. Mai 2010

Es ist die zweite Anfuhr von Wein, für den die Mittel auf wunderbare Weise beschafft werden konnten. Der Rundfunk spielt Tanzmusik. Rosette zeigt uns, dass sie nicht nur sehr niedlich ist, sondern auch überraschend nett tanzen kann.

Um elf Uhr schickt Mama sie zu Bett, in das elterliche Schlafzimmer für diese Nacht, denn in Rosette Zimmerchen schlafe ich, und überhaupt meinen die Eltern wohl, unter den gegebenen Umständen sei es besser, ihre Tochter über Nacht in besonders gute Hut zu nehmen. Ich bedenke dies mit leisem Bedauern, als ich in den kühlen Leintüchern des frisch bezogenen Bettes liege. Aber lange denke ich nicht und schlafe zufrieden ein.

Pächterwohnung

Samstag, 01. Mai 2010

Wir wohnen heute in einem Pächterwohnung des royalistischen Schlossherrn, das von einer für französische Begriffe ungemein umfangreichen Familie bewohnt wird: Die Leute haben nämlich sechs Kinder. Es sind ebenso prächtige Kinder wie großartige Eltern. Schon bei der Begrüßung fällt einem das reine Französisch auf, das sich in dem anschließenden Gespräch dadurch erklärt, dass der Mann, von Beruf Maurer, in der auf die Weltausstellung folgende Arbeitslosigkeit alle Ersparnisse zusammen nahm und seinen Wohnort Lyon verließ, um mit seiner Familie hierher aufs Land zu gehen. Sie sind also eigentlich Lyoner und darum sprechen sie nicht das in dieser Gegend übliche Platt. Als sie hier herkamen, war das Haus eine bessere Ruine, erzählten sie uns. Vater André besserte es selber aus und machte es zu einem reinlichen Schmuckkasten, das der Familie reichlich Platz zu behaglichem Wohnen bietet. Vater André und der Sohn Archipel arbeiten in der nahen Kleinstadt und in den umliegenden Dörfern, wo sich gerade Arbeit bietet. Mutter und Rosette, die sechzehn jährige Älteste, besorgen das Haus, das Geflügel, das Schwein und den großen Garten. Sie haben sämtlich alle Hände voll zu tun, und wenn der Vater und Archipel mal keine Maurer Arbeit finden, dann gibt es doch immer irgend etwas anderes zu tun, und hier auf dem Lande verhungert niemand. Sie sind zufrieden, diese Menschen, die in der Großstadt geboren sind. Die Mutter hat ihre Freude daran, wie prächtig die kraushaarigen Kleinen gedeihen, die den ganzen Tag draußen sind in Licht und Luft, wie gut sie den Tisch decken kann für all die hungrigen Münder, wie viel friedlicher es hier ist als in der Mietkaserne hinter der Gare du Nord.

Der nächste Morgen

Freitag, 30. April 2010

Der nächste Morgen lacht in strahlender Schönheit durch die Fenster. Auf der Landstraße rollen schon die Wagen der Kompanien, dröhnt der Marschtritt der Infanterie, der weiter Marsch des Regimentsverbandes ist in vollem Gange. Unsere Wagenkolonne überholt eine Kompanie nach der anderen. Alle bieten sie ein hervorragendes Bild nach den sechs Wochen in Lyon. Die Fahrzeuge sind in bestem Zustand, die Pferde glatt und blank, die Uniformen sauber. Die Haltung der Soldaten ist frisch und ihre Gesichter strahlen. Wir glauben ja alle, dass die abschließende Abrechnung mit England unmittelbar bevorsteht. Es wird viel gesungen auf diesem Marsch, dessen Tagesleistungen nicht unbeträchtlich sind, bei der in diesen Tagen herrschenden Hitze wahrhaftig keine Kleinigkeit. Die Quartiere für unsere Rasten sind nicht gut. Heute kommen wir zu einer losen Anhäufung weit verstreut liegender Häuser, in ihrer Gesamtheit nicht einmal als Weiler zu bezeichnen. Aber auch diese Siedlung hat ihr Château, denn zu jedem Ort gehört in Frankreich ein Schloss, und wenn es noch so kümmerlich ist. Hier ist es ein großes, vernachlässigtes Haus, vor dem sich ein Garten mit mächtigen alten Bäumen breitet. Der Besitzer und seine Frau sind zu Hause und nicht unliebenswürdig. Den Grund dafür entdecken wir in der Bibliothek: dort hängt ein großes Bild des französischen Ehrenpräsidenten. Der Schlossherr ist ein großer Royalist, der nur in der Berufung des Herzogs von Guise zum “Roy” von Frankreich das Heil erblickt und den gegenwärtigen Zusammenbruch Frankreichs nur durch das republikanische System erklärt. Dass der Herzog von Guise kürzlich gestorben ist, erfüllt ihn mit tiefem Schmerz, doch schon nimmt der Graf von Lyon dessen Platz in seinem devoten Herzen ein. Die Beredsamkeit dieses Monsieur war Furcht einflößend, so dass wir trachteten, uns ihr schnellstmöglich zu entziehen. Allerdings nur mit dem Erfolg, dass wir in der Diele auf Maidame stießen, die seit der Gefangenschaft ihres Sohnes vor zwei Monaten noch nichts von ihm gehört hat, außer der Tatsache seiner Gefangenschaft, die ihr das Rote Kreuz auf der üblichen vorgedruckten Postkarte mitgeteilt hatte. Sie war nun natürlich in großer Sorge um ihren Louis. Das können wir verstehen, denn wir haben auch Mütter zu Hause, die beim Ausbleiben von Nachrichten unruhig werden und sich sorgen. Aber deswegen können wir den Nachmittag nicht damit verbringen, Madams endlosen Wortschwall über uns ergehen zu lassen. Wir haben dies komische Gefühl im Magen, das man am besten durch Essen vertreibt und untersuchen den größten umliegenden Bauernhof auf seinen Bestand an Eiern. Wir haben Glück und ziehen mit einer Feldmütze voll ab, das Dutzend kostet 9 Franc, gleich 43 Pfennig.

Pause

Donnerstag, 29. April 2010

Jetzt liegen wir im Rasen am Rande der Straße, die irgendwie dorthin führen wird und denken daran, dass eigentlich Essenszeit wäre. Aber die Gulaschkanone ist weit entfernt, bei der Kompanie. Dafür aber steht auf der anderen Straßenseite ein Gasthaus, offensichtlich ein Ausflugslokal für sonntägliche Lyoner. Wir haben nicht viel Zeit, denn es kann jeden Augenblick weitergehen, unser Mittagessen besteht deshalb lediglich aus Brot und Butter mit Käse sowie einer Flasche roten Bordeaux. Das schmeckte großartig und war nach sechs Wochen Hotel leben eine nette Abwechslung. Das Dessert besorgen wir uns selber, denn wir sehen Kameraden mit Reineclauden ankommen, die man in einem verlassenen Garten, er ist in den etwa acht Wochen seit der Flucht seiner Besitzer schon sehr verwildert, pflücken kann. Die überreifen Früchte schmecken herrlich und lassen keinen Durst aufkommen.

Weiter geht die Fahrt, und als wir in unserem Nachtquartier eintreffen, sind wir schon ein Gutes Stück von Lyon entfernt. Ein Jagdhaus nimmt unser Stabsquartier auf, wir wohnen Teils im gleichen Gebäude, Teils in den bescheideneren Häusern ringsum. Nebenan im Gutshof ist eine ganze Kompanie untergebracht.

Unsere Gastgeber an diesem Abend sind sehr arme Leute, die sich staunend erzählen lassen von Lyon, das ihnen viel fremder ist als uns. Dort gewesen sind sie natürlich auch schon, aber viel mehr als die Warenhäuser scheinen sie nicht gesehen zu haben. Da das Elektrizitätswerk noch zerstört ist, funktioniert das elektrische Licht noch nicht wieder, und wir gehen nach dem Tag an der frischen Luft früh in unser Zimmer, und schlafen zu zweit in dem groß mächtigen Bett ganz großartig, nachdem wir das abdrückende Plumeau hinausgeworfen haben.