Nunmehr startete ich meinen Erkundungsgang, mein ganzes Interesse auf Schaufensterauslagen, und hierbei besonders auf Champagnerflaschen konzentrierend. Was ich jedoch fast ausschließlich sah, waren zunächst Devotionalien und Gebetbücher. Wie können bloß all diese Geschäfte mit ihren Rosenkränzen, Kruzifixen, Nachbildungen der Kathedrale, Heiligenbildern, Metallgliedmaßen und den 1001 sonstigen Fetischen existieren ? Das ist ihre Sorge, aber ich bin überzeugt, daß es ihnen zur „Saison” nicht an Käufern mangelt. Im Augenblick schien allerdings keine Saison zu sein, denn alle diese Geschäfte waren von Kunden leer.
In den minder heiligen Zwecken gewidmeten Schaufenstern sah ich viele Flaschen, die zwar Champagnerflaschen täuschend ähnelten, deren Schilder aber auf „Perle de l’Auge” lauteten, also einen Cidre, denn im Augetal gedeihen keine Reben. Aber in einem Schaufenster standen die begehrten Flaschen aus Reims. Als ich in den Laden eintrat erfuhr ich, das Stück koste 90 Franc. Mir sträubten sich die Haare: vor wenigen Wochen noch hatte ich für den besten „Drapeau Americain” in Paris 4o Franc bezahlt. Aber es war jetzt überall dasselbe: die obskursten, billigsten Marken kosteten jetzt zwischen 8o und 100 Franc. Für deutsche Begriffe ist 4-5 Mark für eine Flasche Champagner nicht eben teuer, nach französischen Maßstäben ist es Wucher.
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Champagner
Sonntag, 30. Mai 2010Caen
Mittwoch, 19. Mai 2010Eines Mittags hieß es nun nach Caen fahren. Uns beide, die es traf, berührte es nicht unangenehm, wenn auch das Wetter ausnahmsweise sehr trüb und regnerisch war. Aber trotzdem: Caen, die alte historische Hauptstadt des Départements Calvados, hätten wir schon seit längerer Zeit gern kennengelernt, ohne daß sich bis heute die Gelegenheit dazu geboten hätte. Dies war eine günstige Gelegenheit. Über Dozulé ging die Fahrt durch zuerst welliges, dann immer flacheres Gelände. Mit den Hügeln verschwanden auch Weiden und Knicks, und wir trafen auf die ersten Getreidefelder der Normandie. Die Ernte war schon beendet, sauber und kahl breitete sich das Land. Die Gegend um Caen, ein geräumiges Tal, ist die Kornkammer des Calvados. Ihre Flachheit und zugleich damit ihr besserer Boden erlauben in größerem Umfang den Weizenanbau.
Apfelschnaps
Freitag, 14. Mai 2010 Apfelschnaps! Ich besaß nun seit einigen Tagen eine Flasche voll dieses Getränkes, die mir der Diener Pierre zum Dank für eine kleine Gefälligkeit verehrt hatte. Ich hatte erst ein Glas voll davon getrunken und nach erfolgter Lösung eines starken Hustenreizes und Überwindung einer erhöhten Aktivität der Tränendrüsen beschlossen, diese Flasche für die schlimmste Winterkälte aufzuheben. In der Kälte der letzten Septembernächte des vergangenen Jahres hatte ich in Polen ähnlich hochgrädigen Wodka schätzen gelernt, Wodka, der im übrigen ein Waisenkind gegen meinen Calvados war.
In Erinnerung an die fernen Zeiten, in denen ich Whisky- und Cognac-Soda zu trinken pflegte, tauchte in mir nun die Erwägung auf, ob man nicht auch den Calvados ähnlich verwenden könne. Ich finde, daß schierer Whisky nach Petroleum und Seife schmeckt, vorausgesetzt es ist guter Whisky, mit Soda ist er eins der köstlichsten Getränke überhaupt. Calvados mit Soda schmeckte, wie ich nun unverzüglich feststellte, zwar immerhin schon erträglich, aber noch keineswegs angenehm. Ich dachte aber daran, daß es auch Cognac-Brause gibt, ein Getränk, das Damen auf Barhockern sehr zu schätzen pflegen. Also opferte ich nach der Flasche Sodawasser auch noch eine Flasche Sprudel, um einen letzten Versuch zu machen, und siehe da, als ich die Mischung an den Mund geführt hatte, überzog ein freudiges Grinsen meine leicht verbittert gewesenen Züge. Es schmeckte wunderbar.
Übrigens noch ein Tip reiner Meschenfreundlichkeit entspringt, da ich keine irgendwie gearteten Vorteile aus dem Vertrieb von Apfelschnaps habe: im Winter schmeckt Calvados-Grog ganz hervorragend, ähnlich dem Arrac-Grog, wenn man gut süßt. Aber auch hier Vorsicht bei der Abmessung des Calvados, sonst kann man schon nach einem Glase Grog mit Schlagseite zu Bett gehen.
Cidre
Donnerstag, 13. Mai 2010Einen Nachteil hatte die spendier Isolation unseres Schlosses, einen Nachteil, der uns schon am zweiten Abend nach unserer Ankunft ganz besonders unangenehm sinnfällig vor Augen getreten war: es gab hier oben nichts zu trinken, nichts wie Wasser und Milch. Die Tage waren heiß, und ein Soldat bedarf ohnedies stets bescheidener Mengen flüssigen Trosts.
In unserer Not beschlossen wir, es zunächst mit dem normannischen Cidre, dem schwachen und sauren Apfelwein, zu versuchen. Dies Getränk hatte zudem den Vorteil des niedrigen Preises, so dass wir uns eines Morgens fünfzig Liter in einem Fässchen besorgten, das uns Herr Maria, der Gärtner, geliehen hatte. Mit 75 centimes, also 3 % Pfennig, war der Liter gewiss nicht über zahlt. Beim ersten Mal, da das Fässchen geöffnet ward, es war beim Mittagessen, trank jeder ein Glas Cidre, abends tranken noch zwei Mann je ein Glas, und von dann an wurde der Hahn des in der Garage ruhenden Fässchens eigentlich nur noch aus Versehen geöffnet. Allgemein wurde behauptet, der Cidre schmecke abscheulich und sei höchstens als Abführmittel zu empfehlen. Gegen eine solche Kollektive Ablehnung verfing kein Vortrag über den angenehmen Geschmack und die zweifellos auch digestive Wirksamkeit dieses bodenständigen Volksgetränks.
Calvados
Freitag, 07. Mai 2010Lisieux liegt schon im Zentrum der Normandie und wir fahren nun der Küste dieses grünen Landes entgegen. Die Straße führte mit Senkungen und Steigungen durch eine abwechslungsreiche, schöne Landschaft von Wäldern und Wiesen. Getreidefelder fehlten in diesem Bild, um so mehr Apfelbäume gab es dafür. Die Normandie ist keine Kornkammern Frankreichs, es wird dort vorzugsweise starke Vieh- und Milchwirtschaft betrieben (Camembert ist eine normannische Spezialität), es ist das Land des Cidre, jenes schwachen, sauren Apfelweins, der den Durst so gut löscht und so gesund ist, und des Calvados, des daraus gebrannten Apfelschnapses, dem rheinischen Trester ähnelnd. Der Calvados ist die zentrale Landschaft der Normandie, eben die, in der wir uns nun häuslich niederlassen sollten, und hier braut man aus dem harmlosen Cidre einen sechzig- bis siebzig-prozentigen Apfelschnaps, der in der Jugend wasserhell ist und im Alter goldgelb wird. Alle Alten Leute der Normandie schwören auf den Calvados, trinken ihn pur oder im Kaffee, um ihren Haken gesund zu halten, wie sie behaupten. Viele Fremde, die hier erst den Calvados kennen lernen, huldigen im Übrigen der Ansicht, dass nur eine durch und durch gesunde Natur größere Mengen dieses teuflisch-scharfen Schnapses auf die Dauer vertragen kann.
Halten wir uns nun nicht länger mit den Apfelbäumen auf, die überall stehen und eine derartige alkoholische Funktion ausüben. Es lohnt sich auch, die Landschaft anzuschauen, denn sie ist schön, die Ortschaften sauber und freundlich. Groß gewachsene, gut aussehende, blonde Menschen leben hier, sieht man sie an, fühlt man sich fast zu Hause. Wir sind durch ein kleines Dorf gekommen. Lauter kleine, bunte, einstöckige Häuser, alle mit Wein, Klematis oder Rankrosen bewachsen. Ein idyllischer Friede liegt darüber, ein sommerliches Summen zieht durch die durch sonnte Luft.
Über kleine Flüsse, durch romantische Schluchten, die mit hohen Bäumen bestanden sind, führt unsere steile Straße, dann sind wir angekommen. Dozulé, der Marktflecken unweit der Küste, ist erreicht. Man verzeihe mir die vielen Bemerkungen, die auf leibliche Genüsse hinzielen, aber die kleine Patisserie des Herrn Comecon mit ihrem winzigen Salon de Thé muss ich doch erwähnen. Diese Konditorei nahm uns beim ersten Anblick gefangen und hat uns nicht wieder losgelassen, solange wir bei Dozulé lagern.