Archiv für die Kategorie ‘Reise’

Caen

Mittwoch, 19. Mai 2010

Eines Mittags hieß es nun nach Caen fahren. Uns beide, die es traf, berührte es nicht unangenehm, wenn auch das Wetter ausnahmsweise sehr trüb und regnerisch war. Aber trotzdem: Caen, die alte historische Hauptstadt des Départements Calvados, hätten wir schon seit längerer Zeit gern kennengelernt, ohne daß sich bis heute die Gelegenheit dazu geboten hätte. Dies war eine günstige Gelegenheit. Über Dozulé ging die Fahrt durch zuerst welliges, dann immer flacheres Gelände. Mit den Hügeln verschwanden auch Weiden und Knicks, und wir trafen auf die ersten Getreidefelder der Normandie. Die Ernte war schon beendet, sauber und kahl breitete sich das Land. Die Gegend um Caen, ein geräumiges Tal, ist die Kornkammer des Calvados. Ihre Flachheit und zugleich damit ihr besserer Boden erlauben in größerem Umfang den Weizenanbau.

Rückfahrt

Dienstag, 18. Mai 2010

Gegen Mittag hieß es zurückfahren, so schwer es uns auch fiel. Ein unwiderruflich letztes Mal entschwand der stolze, massige Bogen des Arc de Triomphe im Dunst der übersonnten Avenue de la Grande Armée. Paris lag hinter uns, vor uns lag die Normandie. Die vier Stunden Fahrt zu unserem Schloß vergingen schon eintönig in der bekannten Landschaft. Aber Wilhelms zum besten gegebene Details von seinen Abenteuern in der vergangenen Nacht verkürzten uns die Zeit aufs angenehmste. Er war dank seiner gründlichen Erzählungsweise noch nicht fertig damit, als wir den steilen Weg im Park hinunterfuhren. Die Kameraden standen auf von ihren Sitzen in der
Sonne vor dem Zelt. Es war nicht viel anders wie wenn wir aus Cabourg zurück gekommen wären. Nur der Ansturm war lebhafter.

Unser Zelt

Dienstag, 11. Mai 2010

Schon der nächste Morgen bringt einen kurzen Sprühregen und lässt uns damit zu Bewusstsein kommen, dass wir uns auf die Dauer nicht mit dem gestern Nachmittag schnell auf die Terrasse neben dem Gärtner Haus gestellten großen Tisch und Stühlen als einzigem Aufenthalts und Speiseraum begnügen können. Es ist ja wunderschön, wenn es trocken ist, aber bei Regen? Dieser Überlegung folgt auf dem Fuß die übliche große Debatte mit dem Thema: was also tun Als bester Plan kristallisiert sich aus dieser Debatte der Bau eines großen, hohen Zeltes aus dem mitgeführten  zahlreichen Zeltbahnen heraus, eines Zeltes, das idyllisch an die hohe Hecke am Teich angelehnt werden soll.

Mit Tatfreudigkeit wird diese Arbeit sofort in Angriff genommen und schon zu Mittag steht ein Zeh, das sich sehen lassen kann. Wo die Zeltbahnen an den Seitenwänden nicht ausreichten, wird eine dichte Wand aus Nadelholzzweigen angebracht, die Zug und Licht vollkommen abhält. Nach einer Schmalseite ist das Zelt offen, ein flaches Zeltdach verlängert hier den luftigen Bau sozusagen um eine gedeckte Veranda.

Jetzt kann uns weder Sonne noch Regen etwas anhaben. Wir freuen uns so kindlich wie der erste Mensch beim Bau seiner ersten Hütte.

Nun gilt unsere nächste Sorge der komfortablen Möbelierung unseres Zeltes, eine Aufgabe, die in wenigen Tagen vollkommen gelöst war.

Weiter Reise

Freitag, 07. Mai 2010

Am nächsten Morgen begann dann die letzte Etappe der Reise zur Kanalküste. Auch dieser Tag war so schön wie die vorhergegangenen. Es war zwar heiß im Wagen trotz der geöffneten Fenster, aber die Fahrt war doch wunderschön. Durch abgeerntete Kornfelder ging die Fahrt zuerst nach Evreux, einem Städtchen inmitten eines Bergeinschnittes, ein wichtiger Knotenpunkt von strategischer Bedeutung. Das war der kleinen Stadt zum Unglück ausgeschlagen, denn sie wies Spuren des Kampfes auf, der vor acht Wochen hier getobt hatte. Die Stadt war übel zugerichtet. Es war wie eine Mahnung an den Zeit, den wir auf dieser fröhlichen Reise fast vergessen hatten. Man sah den Leuten von Evreux die Spuren der Eindrücke an, die hinter ihnen lagern. Sie hatten keine frohen Gesichter. Wir waren erleichtert, als Evreux wieder hinter uns lag. Von der Landstraße aus sah man die weiten Stoppelfelder, die kleinen Dörfer, die sanften grünen Hügel. Zuweilen ein Feldflugplatz, so vorzüglich getarnt, dass man ihn kaum bemerken konnte. Zuweilen auch Scheinflugplätze mit nicht ganz so sorgfältiger Tarnung. Hier hatte man Flugzeug Attrappen getarnt, die ständig der Windrichtung angepasst wurden, um dem Tommy die Illusion vollkommen zu machen. Wir hörten später oft von „erfolgreichen” Angriffen der Engländer auf derartige Scheinflugplätze und man muss ihnen zugute halten, dass ihr Irrtum verzeihlich, weil erklärlich gewesen ist.

Fast zwei Stunden brauchten wir bis zur nächsten Stadt, bis zum heiligen Lisieux, einem großen Wallfahrtsort, dessen Basilika der heiligen Therese neu und weiß schon von der Ferne aus die Augen fesselt. Hier gab es keine Zerstörung, ruhig und friedlich lag das Städtchen mit seinen engen, steilen Straßen, seinen vielen Kirchtürmen da. Es tat uns direkt leid, nicht anhalten zu können, aber wir hatten unser Ziel ja noch nicht erreicht. Man würde schon noch einmal Gelegenheit finden, sich Lisieux ausführlicher anzuschauen.

Landstrasse

Donnerstag, 29. April 2010

Heiß brennt die Sonne auf das weiße Band der Landstraße Es ist Mittagszeit und unsere Kraftwagen-Kolonne hält in der kleinen Siedlung westlich von Lyon das wir vor wenigen Stunden verlassen haben. Steif und sogar ein wenig müde von der Fahrt im stickigen geschlossenen Wagen, auf dessen Verdeck ununterbrochen die Sonne gebrannt hatte, steigen wir aus, legen uns in den Schatten der Bäume am Straßenrand und essen erst einmal die Traubentüte leer auf der noch der Name der „Alimentation General“ in der Rue du Paris prangt

Die Rue du Paris und Lyon! Vor wenigen Stunden noch waren wir da wie zu Hause und jetzt liegt das alles schon so unendlich weit denn wir sind wieder unterwegs auf dem Marsch. Und auf dem Marsch denkt man nur an das was vor einem liegt, auch jüngst Vergangenes scheint unendlich weit zurück zu liegen. Jetzt ist die Landstraße wieder das was sie uns in dieser Zeit geworden ist unsere zweite Heimat. Seit wir Ende August auf einem gottverlassenen schlesischen Bahnhof nahe der polnischen Grenze ausgeladen wurden, haben wir vieles kennen gelernt, die schlechten polnischen Landstraßen, die bestenfalls mit Schotter bestreut waren, meistens aber nur aus Staub oder, wenn es regnete, nur aus Matsch bestanden. In vier Wochen haben wir Polens Straßen besser kennen gelernt als uns lieb war. Im Oktober desselben Jahres waren wir dann von der schönen, aber steilen Eifel über die Ahr zum Niederrhein gezogen. Trotz der Berge, die wir dabei zu überwinden hatten, waren die Straßen so verschieden von den polnischen wie Straßen nur verschieden voneinander sein können, so dass uns dieser Marsch von Kyllburg nahe der luxemburgischen Grenze bis Kempen am Niederrhein in weitaus angenehmerer Erinnerung ist als der Marsch von Trebnitz nach Lowitz. Nach dem langen, harten Winter am Niederrhein kam dann der Marsch Kempen—Lyon, wieder Marsch und Kampf zugleich wie in Polen. Und nun kommt nach sechs Wochen glücklich-schönen Aufenthalts in Lyon der vierte Marsch dieser Zeit, von Lyon nach Dozulé. Was hinter dem Namen Dozulé, den wir nur im strengsten Vertrauen und auch das noch unbefugt gehört haben steckt, das Wissen wir noch nicht. Ein Flecken in der Normandie ist es, das wissen wir, mehr aber auch nicht.