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Die Gräfin

Mittwoch, 12. Mai 2010

Die Tochter des alten Grafen, die Gräfin von Geschminkt (so lautete ihr Name in wörtlicher deutscher Übersetzung), sprach so deutsche Worte, mit denen sie beachtliche Erfolge erzielte. Sie hatte die Redseligkeit ihres Vaters geerbt, war aber ebenfalls nicht uninteressant dabei. Neben den Angelegenheiten unseres Zusammenlebens besprach sie vorwiegend das ungewisse Schicksal ihres Mannes mit uns. Von ihrem Ältesten sprach sie nicht, denn sie hatte die Hoffnung verloren.

An der Gräfin von Geschminkt (ihr französischer Name war den meisten zu schwierig) hatten wir in der Folgezeit auch in den umliegenden Ortschaften unsere Freude, wenn sie, da es kein Benzin für ihren schönen Kraftwagen mehr gab, mit großer Würde auf einem kleinen Esel wagen saß, mit dem sie ihre Einkäufe erledigte. Sie war um ihren Sohn in Trauer, zog sich stets sehr einfach an und ließ lediglich ihrem Gesicht das zukommen, was ihm ihrem Namen nach gebührte. Es war ein komischer Anblick, die Gräfin auf ihrem Bock thronen zu sehen, während das kleine Grautier mit hängenden Ohren munter dahin trabte oder auch gelegentlich störrisch wurde und dann erst nach längeren Ansprachen seiner Lenkerin seine Pflicht wieder aufnahm.

Rundgang im Schloss

Montag, 10. Mai 2010

Als wir in die Halle des Schlosses treten, die von einem riesigen Bild des Roi Soleil beherrscht. Vor 800 Jahren schon lebten hier die Grafen von Prongues, und die Marmortafel spricht von dem fernen Vorfahren, der mit Wilhelm dem Eroberer aus einem Schloss, das früher hier stand, gegen England fuhr, bei Hastings mitkämpfte und ein großes, mächtiges Geschlecht in England gründete, dessen späte Enkel es nach vielen Jahrhunderten wieder verließen, um in Heimat und Schloss ihrer Altvorderen zurückzukehren. Nur einen Seitenblick können wir auf diese Geschichte um witterte Tafel werfen, denn es gilt, die Herrin des Schlosses zu begrüßen und mit ihr die nun zu treffenden Maßnahmen  zu besprechen.

Die Frau Gräfin entschuldigt ihren Vater, den letzten Grafen von Prongues, wegen seines Alters. Er kann sich um dergleichen nicht mehr bekümmern. Man kommt mit ihr sehr gut aus, denn sie ist entgegenkommend, ohne ihrer Würde als Französin etwas zu vergeben.

Die Gräfin lässt uns nun das Schloss besichtigen und ihre Führung ist hochinteressant. Es gibt keine neu modischen Möbel, kein modernes Bild in den Gängen und Zimmern, nur die umkleideten Heizkörper und die elektrischen Birnen in den antiken Lampen erinnern an das Zeitalter der Technik. Das Schloss ist ganz und gar mit alten Kostbarkeiten eingerichtet, die nicht muffig, sondern lebendig wirken. Die Wände sind mit riesigen Gobelins herrlicher Arbeit bedeckt, überall hängen Gemälde, die einen Ehrenplatz im Museum verdienten und die engen Beziehungen und Verflechtungen der Familie mit der Geschichte Frankreichs andeuten.

Ankunft

Samstag, 08. Mai 2010

Nach der gemütlichen Pause hieß es wieder weiter fahren, um das Château de Prongues zu suchen, das uns als Quartier zugewiesen war. Es war gar nicht leicht, dies abseits der Hauptstraßen gelegene Schloss zu finden, und es wurde zunächst eine Irr fahrt, allerdings durch die Schönheit der Landschaft alles andere wie unangenehm war. Als wir mit dem Wagen eine der vielen Berghöhen erklommen hatten, erblickten wir zum ersten mal das Meer hinter dem welligen, durch zahlreiche Knicks unterbrochenen Gelände. Grau und glatt, endlos breitete sich das Wasser, kein Segel und kein, Schornstein unterbrach die weite Fläche.

Gewiss es ist nur der Kanal, das wissen wir, und gute hundert Kilometer dahinter liegt England. Dies Meer bedeutet Schicksal, vielleicht unser Schicksal, und darum, ist es schwer, sich von seinem Anblick loszureißen. Was kann auch gerade dies graue Wasser hier für unser eigenen, persönliches Schicksal bedeuten! Wir müssen aber weiter, es hilft nichts. Endlich, nach langem Suchen, kommen wir vor ein großes, schmiede eisernes Tor, hinter dem ein großer Park, von steinerner Mauer befriedet, liegt. Von einem Schloss ist außer dem kleinen Wegweiser „Au Chateau” nichts zu sehen. Durch den Wald artigen Park fahren wir den abfallenden, steinigen Weg hinunter, kommen auf eine Lichtung und da liegt der edle, gelbe Bau des Schlosses vor uns. Es ist kein großes und eigentlich auch kein prächtiges Schloss, aber ein so durchaus adliges und geräumiges Gebäude, dass man es sofort lieb gewinnt. Hier werden wir also für eine vielleicht lange Zeit liegen. Wir sind angelangt und zufrieden. Hier ist es so schön, dass man sich wird wohl fühlen müssen.