Der nächste Morgen lacht in strahlender Schönheit durch die Fenster. Auf der Landstraße rollen schon die Wagen der Kompanien, dröhnt der Marschtritt der Infanterie, der weiter Marsch des Regimentsverbandes ist in vollem Gange. Unsere Wagenkolonne überholt eine Kompanie nach der anderen. Alle bieten sie ein hervorragendes Bild nach den sechs Wochen in Lyon. Die Fahrzeuge sind in bestem Zustand, die Pferde glatt und blank, die Uniformen sauber. Die Haltung der Soldaten ist frisch und ihre Gesichter strahlen. Wir glauben ja alle, dass die abschließende Abrechnung mit England unmittelbar bevorsteht. Es wird viel gesungen auf diesem Marsch, dessen Tagesleistungen nicht unbeträchtlich sind, bei der in diesen Tagen herrschenden Hitze wahrhaftig keine Kleinigkeit. Die Quartiere für unsere Rasten sind nicht gut. Heute kommen wir zu einer losen Anhäufung weit verstreut liegender Häuser, in ihrer Gesamtheit nicht einmal als Weiler zu bezeichnen. Aber auch diese Siedlung hat ihr Château, denn zu jedem Ort gehört in Frankreich ein Schloss, und wenn es noch so kümmerlich ist. Hier ist es ein großes, vernachlässigtes Haus, vor dem sich ein Garten mit mächtigen alten Bäumen breitet. Der Besitzer und seine Frau sind zu Hause und nicht unliebenswürdig. Den Grund dafür entdecken wir in der Bibliothek: dort hängt ein großes Bild des französischen Ehrenpräsidenten. Der Schlossherr ist ein großer Royalist, der nur in der Berufung des Herzogs von Guise zum “Roy” von Frankreich das Heil erblickt und den gegenwärtigen Zusammenbruch Frankreichs nur durch das republikanische System erklärt. Dass der Herzog von Guise kürzlich gestorben ist, erfüllt ihn mit tiefem Schmerz, doch schon nimmt der Graf von Lyon dessen Platz in seinem devoten Herzen ein. Die Beredsamkeit dieses Monsieur war Furcht einflößend, so dass wir trachteten, uns ihr schnellstmöglich zu entziehen. Allerdings nur mit dem Erfolg, dass wir in der Diele auf Maidame stießen, die seit der Gefangenschaft ihres Sohnes vor zwei Monaten noch nichts von ihm gehört hat, außer der Tatsache seiner Gefangenschaft, die ihr das Rote Kreuz auf der üblichen vorgedruckten Postkarte mitgeteilt hatte. Sie war nun natürlich in großer Sorge um ihren Louis. Das können wir verstehen, denn wir haben auch Mütter zu Hause, die beim Ausbleiben von Nachrichten unruhig werden und sich sorgen. Aber deswegen können wir den Nachmittag nicht damit verbringen, Madams endlosen Wortschwall über uns ergehen zu lassen. Wir haben dies komische Gefühl im Magen, das man am besten durch Essen vertreibt und untersuchen den größten umliegenden Bauernhof auf seinen Bestand an Eiern. Wir haben Glück und ziehen mit einer Feldmütze voll ab, das Dutzend kostet 9 Franc, gleich 43 Pfennig.
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