Rundgang im Schloss

10. Mai 2010

Als wir in die Halle des Schlosses treten, die von einem riesigen Bild des Roi Soleil beherrscht. Vor 800 Jahren schon lebten hier die Grafen von Prongues, und die Marmortafel spricht von dem fernen Vorfahren, der mit Wilhelm dem Eroberer aus einem Schloss, das früher hier stand, gegen England fuhr, bei Hastings mitkämpfte und ein großes, mächtiges Geschlecht in England gründete, dessen späte Enkel es nach vielen Jahrhunderten wieder verließen, um in Heimat und Schloss ihrer Altvorderen zurückzukehren. Nur einen Seitenblick können wir auf diese Geschichte um witterte Tafel werfen, denn es gilt, die Herrin des Schlosses zu begrüßen und mit ihr die nun zu treffenden Maßnahmen  zu besprechen.

Die Frau Gräfin entschuldigt ihren Vater, den letzten Grafen von Prongues, wegen seines Alters. Er kann sich um dergleichen nicht mehr bekümmern. Man kommt mit ihr sehr gut aus, denn sie ist entgegenkommend, ohne ihrer Würde als Französin etwas zu vergeben.

Die Gräfin lässt uns nun das Schloss besichtigen und ihre Führung ist hochinteressant. Es gibt keine neu modischen Möbel, kein modernes Bild in den Gängen und Zimmern, nur die umkleideten Heizkörper und die elektrischen Birnen in den antiken Lampen erinnern an das Zeitalter der Technik. Das Schloss ist ganz und gar mit alten Kostbarkeiten eingerichtet, die nicht muffig, sondern lebendig wirken. Die Wände sind mit riesigen Gobelins herrlicher Arbeit bedeckt, überall hängen Gemälde, die einen Ehrenplatz im Museum verdienten und die engen Beziehungen und Verflechtungen der Familie mit der Geschichte Frankreichs andeuten.

Ankunft

08. Mai 2010

Nach der gemütlichen Pause hieß es wieder weiter fahren, um das Château de Prongues zu suchen, das uns als Quartier zugewiesen war. Es war gar nicht leicht, dies abseits der Hauptstraßen gelegene Schloss zu finden, und es wurde zunächst eine Irr fahrt, allerdings durch die Schönheit der Landschaft alles andere wie unangenehm war. Als wir mit dem Wagen eine der vielen Berghöhen erklommen hatten, erblickten wir zum ersten mal das Meer hinter dem welligen, durch zahlreiche Knicks unterbrochenen Gelände. Grau und glatt, endlos breitete sich das Wasser, kein Segel und kein, Schornstein unterbrach die weite Fläche.

Gewiss es ist nur der Kanal, das wissen wir, und gute hundert Kilometer dahinter liegt England. Dies Meer bedeutet Schicksal, vielleicht unser Schicksal, und darum, ist es schwer, sich von seinem Anblick loszureißen. Was kann auch gerade dies graue Wasser hier für unser eigenen, persönliches Schicksal bedeuten! Wir müssen aber weiter, es hilft nichts. Endlich, nach langem Suchen, kommen wir vor ein großes, schmiede eisernes Tor, hinter dem ein großer Park, von steinerner Mauer befriedet, liegt. Von einem Schloss ist außer dem kleinen Wegweiser „Au Chateau” nichts zu sehen. Durch den Wald artigen Park fahren wir den abfallenden, steinigen Weg hinunter, kommen auf eine Lichtung und da liegt der edle, gelbe Bau des Schlosses vor uns. Es ist kein großes und eigentlich auch kein prächtiges Schloss, aber ein so durchaus adliges und geräumiges Gebäude, dass man es sofort lieb gewinnt. Hier werden wir also für eine vielleicht lange Zeit liegen. Wir sind angelangt und zufrieden. Hier ist es so schön, dass man sich wird wohl fühlen müssen.

Calvados

07. Mai 2010

Lisieux liegt schon im Zentrum der Normandie und wir fahren nun der Küste dieses grünen Landes entgegen. Die Straße führte mit Senkungen und Steigungen durch eine abwechslungsreiche, schöne Landschaft von Wäldern und Wiesen. Getreidefelder fehlten in diesem Bild, um so mehr Apfelbäume gab es dafür. Die Normandie ist keine Kornkammern Frankreichs, es wird dort vorzugsweise starke Vieh- und Milchwirtschaft betrieben (Camembert ist eine normannische Spezialität), es ist das Land des Cidre, jenes schwachen, sauren Apfelweins, der den Durst so gut löscht und so gesund ist, und des Calvados, des daraus gebrannten Apfelschnapses, dem rheinischen Trester ähnelnd. Der Calvados ist die zentrale Landschaft der Normandie, eben die, in der wir uns nun häuslich niederlassen sollten, und hier braut man aus dem harmlosen Cidre einen sechzig- bis siebzig-prozentigen Apfelschnaps, der in der Jugend wasserhell ist und im Alter goldgelb wird. Alle Alten Leute der Normandie schwören auf den Calvados, trinken ihn pur oder im Kaffee, um ihren Haken gesund zu halten, wie sie behaupten. Viele Fremde, die hier erst den Calvados kennen lernen, huldigen im Übrigen der Ansicht, dass nur eine durch und durch gesunde Natur größere Mengen dieses teuflisch-scharfen Schnapses auf die Dauer vertragen kann.

Halten wir uns nun nicht länger mit den Apfelbäumen auf, die überall stehen und eine derartige alkoholische Funktion ausüben. Es lohnt sich auch, die Landschaft anzuschauen, denn sie ist schön, die Ortschaften sauber und freundlich. Groß gewachsene, gut aussehende, blonde Menschen leben hier, sieht man sie an, fühlt man sich fast zu Hause. Wir sind durch ein kleines Dorf gekommen. Lauter kleine, bunte, einstöckige Häuser, alle mit Wein, Klematis oder Rankrosen bewachsen. Ein idyllischer Friede liegt darüber, ein sommerliches Summen zieht durch die durch sonnte Luft.

Über kleine Flüsse, durch romantische Schluchten, die mit hohen Bäumen bestanden sind, führt unsere steile Straße, dann sind wir angekommen. Dozulé, der Marktflecken unweit der Küste, ist erreicht. Man verzeihe mir die vielen Bemerkungen, die auf leibliche Genüsse hinzielen, aber die kleine Patisserie des Herrn Comecon mit ihrem winzigen Salon de Thé muss ich doch erwähnen. Diese Konditorei nahm uns beim ersten Anblick gefangen und hat uns nicht wieder losgelassen, solange wir bei Dozulé lagern.

Weiter Reise

07. Mai 2010

Am nächsten Morgen begann dann die letzte Etappe der Reise zur Kanalküste. Auch dieser Tag war so schön wie die vorhergegangenen. Es war zwar heiß im Wagen trotz der geöffneten Fenster, aber die Fahrt war doch wunderschön. Durch abgeerntete Kornfelder ging die Fahrt zuerst nach Evreux, einem Städtchen inmitten eines Bergeinschnittes, ein wichtiger Knotenpunkt von strategischer Bedeutung. Das war der kleinen Stadt zum Unglück ausgeschlagen, denn sie wies Spuren des Kampfes auf, der vor acht Wochen hier getobt hatte. Die Stadt war übel zugerichtet. Es war wie eine Mahnung an den Zeit, den wir auf dieser fröhlichen Reise fast vergessen hatten. Man sah den Leuten von Evreux die Spuren der Eindrücke an, die hinter ihnen lagern. Sie hatten keine frohen Gesichter. Wir waren erleichtert, als Evreux wieder hinter uns lag. Von der Landstraße aus sah man die weiten Stoppelfelder, die kleinen Dörfer, die sanften grünen Hügel. Zuweilen ein Feldflugplatz, so vorzüglich getarnt, dass man ihn kaum bemerken konnte. Zuweilen auch Scheinflugplätze mit nicht ganz so sorgfältiger Tarnung. Hier hatte man Flugzeug Attrappen getarnt, die ständig der Windrichtung angepasst wurden, um dem Tommy die Illusion vollkommen zu machen. Wir hörten später oft von „erfolgreichen” Angriffen der Engländer auf derartige Scheinflugplätze und man muss ihnen zugute halten, dass ihr Irrtum verzeihlich, weil erklärlich gewesen ist.

Fast zwei Stunden brauchten wir bis zur nächsten Stadt, bis zum heiligen Lisieux, einem großen Wallfahrtsort, dessen Basilika der heiligen Therese neu und weiß schon von der Ferne aus die Augen fesselt. Hier gab es keine Zerstörung, ruhig und friedlich lag das Städtchen mit seinen engen, steilen Straßen, seinen vielen Kirchtürmen da. Es tat uns direkt leid, nicht anhalten zu können, aber wir hatten unser Ziel ja noch nicht erreicht. Man würde schon noch einmal Gelegenheit finden, sich Lisieux ausführlicher anzuschauen.

Lustigen Witwe

06. Mai 2010

In der Nähe dieses Gutes liegt ein Weiler, in dem wir schnell einen Kram laden, verbunden mit rudimentärer Gastwirtschaft entdeckt haben. In diesem entlegenen Winkel gibt es sagenhafte Mengen an Eiern. Die Wirtin pries uns dieselben an, was gar nicht nötig war, denn Eier sind das Fundament unserer schnellen Landser Mahlzeiten, ein Fundament, das seinen Reiz nie verliert. Der dicke Gusto saß zuerst vor dem runden Tisch in der Küche hinter dem Laden. Der Radioapparat spielte Musik aus der „Lustigen Witwe”, am Herd stand die Blitz saubere, junge Wirtin und rührte für den Dicken das erste Omelett zurecht. Gusto musterte durch seine Brille mit zufriedenen Augen die Flasche weißen Bordeaux auf dem rot karierten Tischtuch, das riesige Stück Butter und das Weißbrot. Dazu schnupperte er wollüstig den Duft der gebratenen Eier. An diesem Tisch blieb er von ein Uhr mittags bis elf Uhr abends unerschütterlich sitzen und nur wenn die Natur ihr Recht verlangte, verließ er ihn auf wenige Minuten. Wie viel Eier in der mannigfachsten Form der Dicke in dieser Zeit verzehrte, weiß kein Mensch, aber nach der sehr vorsichtigen Kalkulation der Wirtin müssen es etwa zwanzig Stück gewesen sein, wozu natürlich erhebliche Mengen Brot mit Finger dicker Butter kamen. Dazu trank er mehrere Flaschen des süffigen Bordeaux und war glücklich. Um diesen dicken, ruhenden Pol herum gruppierten sich in bunter Abwechslung die anderen

Kameraden. Die Küche war zu einem sehr vergnügtem Lokal geworden, die Stimmung glänzend. Auch mehrere Ortsbewohner leisteten uns Gesellschaft. Wir gingen spät zu Bett, voll des süßen W eines.

Zu Monsieurs und Madames Entsetzen blieben wir auch noch den folgenden Tag in ihrem gastlichen Château, um die letzten 110 km am nächsten Tag in einem Rutsch ab zumachen. Der Tag verfloss ruhig, wie ein Ruhetag im Manöver; die meiste Zeit waren wir in der kleinen Kneipe, deren Weinvorrat schon der Neige zuging. Am Abend kam dann auch die Artillerie mit ihren vielen Pferden, die das viele Heu fressen sollten. Monsieur und Maidame sahen uns infolge dieser Ankunft plötzlich in einem sehr viel günstigeren Licht. Wir hatten doch wenigstens keine Pferde gehabt!

30 Pferde

05. Mai 2010

In den Nebengebäuden des Chateau leben Leute aller Nationalitäten, Landarbeiter und Gärtner aus Polen, Böhmen, Südslawen. Frankreich ist das Land mit der Landflucht, und zumal hier scheinen es französische Arbeiter nicht auszuhalten. Wir hören von diesen geduldigeren und anspruchslosen Leuten, dass der Schlossherr Besitzer mehrerer großer Zuckerfabriken, ungewöhnlich wohlhabend und noch knickriger ist. Nun, das soll uns gleichgültig bleiben, solange er sich uns gegenüber anständiger verhält als seine Frau. Während wir das sagen, kommt er schon an geritten auf einem nicht mehr jugendlichen Fuchs. Hastig flüstert mir ein Arbeiter zu, das sei der “Patron” und verschwindet vor dem Blick des Gestrengen.

An der Hofscheune, vor der wir gerade stehen, ist mit großen Kreidebuchstaben „30 Pferde” angeschrieben, die Einweisungszeichen der Artillerie-Abteilung, die übermorgen hier für längere Zeit Quartier nehmen soll. Ähnliche Zeichen stehen überall an Scheunen und Ställen, einige hundert Pferde werden wohl hier einziehen. Der Reiter versteht genug Deutsch, um zu wissen, was das bedeutet. Wütend will er weiter reiten, als ihn der dicke Gusto, unser Spaßvogel, anhält: „He, warte mal!” Der Patron dreht sich missbilligend um, aber angesichts Gutos Körperumfangs und der ihn noch unterstreichenden energischen Haltung lässt er seinen Zossen halten. Gusto weist auf die Kreide Einschrift und sagt, langsam, deutlich und mit Betonung:

Übermorgen kommen viele, viele Pferde. Bleiben viele, viele Wochen. Essen viel, viel Heu.”

Hierbei zeigt Gusto auf die nahen Heuschober und macht höchst anschauliche Essbewegungen. Seine Ausführungen wirkten so klar auf den geizigen Fabrik- und Gutsbesitzer, dass der Hofscheune, Heuschober und uns nacheinander mit erschrocken aufgerissenen Augen betrachtet, um anschließend weg zu sprengen, so schnell ihn seine Mähre tragen will, gefolgt von unserem fröhlichen Gelächter.

Neuer Tag

04. Mai 2010

Was bringt der neue Tag?

Er bringt zuerst den herzlichen Abschied von unseren Wirts Leuten, deren „Bonne Chance” sicherlich aufrichtig gemeint ist. Ihr Frühstück hat uns vorzüglich gemündet und wir hatten Schwierigkeiten, Maidame zur Annahme einer kleinen Aufmerksamkeit zu bewegen.

Die Wagenkolonne fährt gemächlich, es sind ja heute nur schäbige 35 km zu bewältigen. Am Ziel muss ich sofort als Dolmetscher ans Verhandeln gehen, denn das Chateau, in das unser Stab heute zieht, ist ein schwieriger Fall, wie ich sogleich merke, denn die Schlossherrin ist weniger als unliebenswürdig, sie ist eine Megäre in sehr ansprechender Verpackung. Ihr Mann ist unterwegs, wie sie sagt, vielleicht zu unserem Pech, denken wir. Denn mit jedem Mann muss das Verhandeln über Notwendigkeiten angenehmer sein als mit dieser bösartigen Frau. Drei, vier Offiziere will sie wohl aufnehmen, aber Mannschaften! Stellen Sie sich doch nur vor, wie die das Haus zurichten. Es ist ein gepflegtes Haus, das ich mir nicht ruinieren lassen will!

Natürlich muss Maidame auch Mannschaften aufnehmen, denn ihre blödsinnigen Vorurteile interessieren uns herzlich wenig. Was im Schloss keinen Platz hat, wird in den Nebengebäuden untergebracht.

Plötzlich rast Maidame zum Fenster: die Pkw sind in den Schutz der Bäume auf den Rasen gefahren. „Sehen Sie das, sehen Sie das! Die Wagen müssen sofort auf den Kiesweg fahren, kein Auto darf mehr auf den Rasen kommen!

Sie erhält eine kurze Belehrung, dass Zeit ist und uns demzufolge die Fliegerdeckung für unsere Fahrzeuge als wichtiger erscheint als die Pflege von Madams kostbarem Rasen. Sie verlässt uns ganz unvermittelt, ohne Antwort, denn ihr scharfes Ohr hat aus der Küche im Souterrain Geräusche vernommen. Sie eilt also dorthin. Wir benutzen die momentane Bewegungsfreiheit, um auch die anderen Räume des Chateau anzusehen, die Maidame uns nicht gezeigt hat. Die Einrichtung ist ganz nett, aber ein leichter Hauch von „Neureich” liegt über dem Ganzen. Platz genug haben sie jedenfalls, so dass sie unsere Einquartierung überstehen werden. Besonders gut gefällt uns das Studio von Monsieur. Wir betrachten interessiert einige gute englische Stiche, werden aber in dieser höchst harmlosen und friedlichen Beschäftigung von Maidame gestört, die inzwischen dem Treiben der Ordonnanz in der Küche mit geringem Erfolg entgegenzutreten versucht hat, um zu kontrollieren, was für gemeine Pläne wir wieder durchführen wollen. Sie schmeißt uns geradezu aus dem Herrenzimmer hinaus und behandelt uns von nun an, als hätten wir silberne Teelöffel gestohlen. Es ist schwierig, mit solch einer Megäre zu verkehren, denn sie ist ja nun einmal eine Frau, und gegen Frauen ist man ja in gewisser Hinsicht wehrlos.

Der Abend

03. Mai 2010

Es ist die zweite Anfuhr von Wein, für den die Mittel auf wunderbare Weise beschafft werden konnten. Der Rundfunk spielt Tanzmusik. Rosette zeigt uns, dass sie nicht nur sehr niedlich ist, sondern auch überraschend nett tanzen kann.

Um elf Uhr schickt Mama sie zu Bett, in das elterliche Schlafzimmer für diese Nacht, denn in Rosette Zimmerchen schlafe ich, und überhaupt meinen die Eltern wohl, unter den gegebenen Umständen sei es besser, ihre Tochter über Nacht in besonders gute Hut zu nehmen. Ich bedenke dies mit leisem Bedauern, als ich in den kühlen Leintüchern des frisch bezogenen Bettes liege. Aber lange denke ich nicht und schlafe zufrieden ein.

Lyon

02. Mai 2010

Und Sie vermissen Lyon gar nicht, Maidame?”

Sie überlegt einen Augenblick: „Nein! Zuerst war es ja nicht so einfach, weil man in vielem als Großstädter verwöhnt ist. Aber sehen Sie, wir haben einen guten Radioapparat”, während sie das sagt, klingt gerade Tito Rossis schmeichlerische Stimme durch die geräumige Wohnküche, in der wir uns unterhalten, „der gibt uns immer Abwechslung und Unterhaltung. Gelegentlich sehen wir uns in der Stadt einen Film an und jedes Jahr einmal fahren wir nach Lyon, um die Familie zu besuchen. Aber wenn wir dann eine Woche dort sind, dann zieht es uns schon wieder hierher. Hier haben wir ja auch alles.”

Rosette begleitet Mamas Ausführungen mit einem etwas schiefen, koketten Lächeln. Ihr fehlt Lyon doch ein bisschen mehr, denkt sie. Aber ist das für einen jungen Menschen nicht ganz natürlich Während unserer Unterhaltung hat Mama mit selbstverständlicher Fürsorge unsere Eier zu einer großen Omelette zusammen gerührt und dazu eine gehörige Portion Bratkartoffeln zubereitet. Sie trägt unsere Mahlzeit auf, und wir lassen es uns gut schmecken. Als wir mitten darin sind, kommt Vater André mit Archipel nach Hause. Ihr Essen ist fertig und die Familie setzt sich zu uns an den großen Tisch. Es ergibt sich ganz von selbst, dass wir ihr Getränk und ihr Dessert mit ihnen teilen, sie wären gekränkt, täten wir es nicht. Den Kaffee haben wir zur Verfügung gestellt, die Mutter bereitet ihn stark und aromatisch, die Zigaretten geben wir auch, denn die sind in der Gegend unerhältlich geworden. Unsere leichten deutschen Zigaretten schmecken den ausgepichten französischen Kehlen nicht so recht, welch Glück, dass wir zufällig eine Packung “Gauloise” haben, jenes für uns ungenießbare schwarze Kraut, das wir hier endlich an den Mann bringen können. Auch Rosette raucht und ihre Eltern finden es ist ein Wahnsinn, sagt Vater André, den wir niemals hätten beginnen dürfen.

Pächterwohnung

01. Mai 2010

Wir wohnen heute in einem Pächterwohnung des royalistischen Schlossherrn, das von einer für französische Begriffe ungemein umfangreichen Familie bewohnt wird: Die Leute haben nämlich sechs Kinder. Es sind ebenso prächtige Kinder wie großartige Eltern. Schon bei der Begrüßung fällt einem das reine Französisch auf, das sich in dem anschließenden Gespräch dadurch erklärt, dass der Mann, von Beruf Maurer, in der auf die Weltausstellung folgende Arbeitslosigkeit alle Ersparnisse zusammen nahm und seinen Wohnort Lyon verließ, um mit seiner Familie hierher aufs Land zu gehen. Sie sind also eigentlich Lyoner und darum sprechen sie nicht das in dieser Gegend übliche Platt. Als sie hier herkamen, war das Haus eine bessere Ruine, erzählten sie uns. Vater André besserte es selber aus und machte es zu einem reinlichen Schmuckkasten, das der Familie reichlich Platz zu behaglichem Wohnen bietet. Vater André und der Sohn Archipel arbeiten in der nahen Kleinstadt und in den umliegenden Dörfern, wo sich gerade Arbeit bietet. Mutter und Rosette, die sechzehn jährige Älteste, besorgen das Haus, das Geflügel, das Schwein und den großen Garten. Sie haben sämtlich alle Hände voll zu tun, und wenn der Vater und Archipel mal keine Maurer Arbeit finden, dann gibt es doch immer irgend etwas anderes zu tun, und hier auf dem Lande verhungert niemand. Sie sind zufrieden, diese Menschen, die in der Großstadt geboren sind. Die Mutter hat ihre Freude daran, wie prächtig die kraushaarigen Kleinen gedeihen, die den ganzen Tag draußen sind in Licht und Luft, wie gut sie den Tisch decken kann für all die hungrigen Münder, wie viel friedlicher es hier ist als in der Mietkaserne hinter der Gare du Nord.