Pächterwohnung

01. Mai 2010

Wir wohnen heute in einem Pächterwohnung des royalistischen Schlossherrn, das von einer für französische Begriffe ungemein umfangreichen Familie bewohnt wird: Die Leute haben nämlich sechs Kinder. Es sind ebenso prächtige Kinder wie großartige Eltern. Schon bei der Begrüßung fällt einem das reine Französisch auf, das sich in dem anschließenden Gespräch dadurch erklärt, dass der Mann, von Beruf Maurer, in der auf die Weltausstellung folgende Arbeitslosigkeit alle Ersparnisse zusammen nahm und seinen Wohnort Lyon verließ, um mit seiner Familie hierher aufs Land zu gehen. Sie sind also eigentlich Lyoner und darum sprechen sie nicht das in dieser Gegend übliche Platt. Als sie hier herkamen, war das Haus eine bessere Ruine, erzählten sie uns. Vater André besserte es selber aus und machte es zu einem reinlichen Schmuckkasten, das der Familie reichlich Platz zu behaglichem Wohnen bietet. Vater André und der Sohn Archipel arbeiten in der nahen Kleinstadt und in den umliegenden Dörfern, wo sich gerade Arbeit bietet. Mutter und Rosette, die sechzehn jährige Älteste, besorgen das Haus, das Geflügel, das Schwein und den großen Garten. Sie haben sämtlich alle Hände voll zu tun, und wenn der Vater und Archipel mal keine Maurer Arbeit finden, dann gibt es doch immer irgend etwas anderes zu tun, und hier auf dem Lande verhungert niemand. Sie sind zufrieden, diese Menschen, die in der Großstadt geboren sind. Die Mutter hat ihre Freude daran, wie prächtig die kraushaarigen Kleinen gedeihen, die den ganzen Tag draußen sind in Licht und Luft, wie gut sie den Tisch decken kann für all die hungrigen Münder, wie viel friedlicher es hier ist als in der Mietkaserne hinter der Gare du Nord.

Der nächste Morgen

30. April 2010

Der nächste Morgen lacht in strahlender Schönheit durch die Fenster. Auf der Landstraße rollen schon die Wagen der Kompanien, dröhnt der Marschtritt der Infanterie, der weiter Marsch des Regimentsverbandes ist in vollem Gange. Unsere Wagenkolonne überholt eine Kompanie nach der anderen. Alle bieten sie ein hervorragendes Bild nach den sechs Wochen in Lyon. Die Fahrzeuge sind in bestem Zustand, die Pferde glatt und blank, die Uniformen sauber. Die Haltung der Soldaten ist frisch und ihre Gesichter strahlen. Wir glauben ja alle, dass die abschließende Abrechnung mit England unmittelbar bevorsteht. Es wird viel gesungen auf diesem Marsch, dessen Tagesleistungen nicht unbeträchtlich sind, bei der in diesen Tagen herrschenden Hitze wahrhaftig keine Kleinigkeit. Die Quartiere für unsere Rasten sind nicht gut. Heute kommen wir zu einer losen Anhäufung weit verstreut liegender Häuser, in ihrer Gesamtheit nicht einmal als Weiler zu bezeichnen. Aber auch diese Siedlung hat ihr Château, denn zu jedem Ort gehört in Frankreich ein Schloss, und wenn es noch so kümmerlich ist. Hier ist es ein großes, vernachlässigtes Haus, vor dem sich ein Garten mit mächtigen alten Bäumen breitet. Der Besitzer und seine Frau sind zu Hause und nicht unliebenswürdig. Den Grund dafür entdecken wir in der Bibliothek: dort hängt ein großes Bild des französischen Ehrenpräsidenten. Der Schlossherr ist ein großer Royalist, der nur in der Berufung des Herzogs von Guise zum “Roy” von Frankreich das Heil erblickt und den gegenwärtigen Zusammenbruch Frankreichs nur durch das republikanische System erklärt. Dass der Herzog von Guise kürzlich gestorben ist, erfüllt ihn mit tiefem Schmerz, doch schon nimmt der Graf von Lyon dessen Platz in seinem devoten Herzen ein. Die Beredsamkeit dieses Monsieur war Furcht einflößend, so dass wir trachteten, uns ihr schnellstmöglich zu entziehen. Allerdings nur mit dem Erfolg, dass wir in der Diele auf Maidame stießen, die seit der Gefangenschaft ihres Sohnes vor zwei Monaten noch nichts von ihm gehört hat, außer der Tatsache seiner Gefangenschaft, die ihr das Rote Kreuz auf der üblichen vorgedruckten Postkarte mitgeteilt hatte. Sie war nun natürlich in großer Sorge um ihren Louis. Das können wir verstehen, denn wir haben auch Mütter zu Hause, die beim Ausbleiben von Nachrichten unruhig werden und sich sorgen. Aber deswegen können wir den Nachmittag nicht damit verbringen, Madams endlosen Wortschwall über uns ergehen zu lassen. Wir haben dies komische Gefühl im Magen, das man am besten durch Essen vertreibt und untersuchen den größten umliegenden Bauernhof auf seinen Bestand an Eiern. Wir haben Glück und ziehen mit einer Feldmütze voll ab, das Dutzend kostet 9 Franc, gleich 43 Pfennig.

Pause

29. April 2010

Jetzt liegen wir im Rasen am Rande der Straße, die irgendwie dorthin führen wird und denken daran, dass eigentlich Essenszeit wäre. Aber die Gulaschkanone ist weit entfernt, bei der Kompanie. Dafür aber steht auf der anderen Straßenseite ein Gasthaus, offensichtlich ein Ausflugslokal für sonntägliche Lyoner. Wir haben nicht viel Zeit, denn es kann jeden Augenblick weitergehen, unser Mittagessen besteht deshalb lediglich aus Brot und Butter mit Käse sowie einer Flasche roten Bordeaux. Das schmeckte großartig und war nach sechs Wochen Hotel leben eine nette Abwechslung. Das Dessert besorgen wir uns selber, denn wir sehen Kameraden mit Reineclauden ankommen, die man in einem verlassenen Garten, er ist in den etwa acht Wochen seit der Flucht seiner Besitzer schon sehr verwildert, pflücken kann. Die überreifen Früchte schmecken herrlich und lassen keinen Durst aufkommen.

Weiter geht die Fahrt, und als wir in unserem Nachtquartier eintreffen, sind wir schon ein Gutes Stück von Lyon entfernt. Ein Jagdhaus nimmt unser Stabsquartier auf, wir wohnen Teils im gleichen Gebäude, Teils in den bescheideneren Häusern ringsum. Nebenan im Gutshof ist eine ganze Kompanie untergebracht.

Unsere Gastgeber an diesem Abend sind sehr arme Leute, die sich staunend erzählen lassen von Lyon, das ihnen viel fremder ist als uns. Dort gewesen sind sie natürlich auch schon, aber viel mehr als die Warenhäuser scheinen sie nicht gesehen zu haben. Da das Elektrizitätswerk noch zerstört ist, funktioniert das elektrische Licht noch nicht wieder, und wir gehen nach dem Tag an der frischen Luft früh in unser Zimmer, und schlafen zu zweit in dem groß mächtigen Bett ganz großartig, nachdem wir das abdrückende Plumeau hinausgeworfen haben.

Landstrasse

29. April 2010

Heiß brennt die Sonne auf das weiße Band der Landstraße Es ist Mittagszeit und unsere Kraftwagen-Kolonne hält in der kleinen Siedlung westlich von Lyon das wir vor wenigen Stunden verlassen haben. Steif und sogar ein wenig müde von der Fahrt im stickigen geschlossenen Wagen, auf dessen Verdeck ununterbrochen die Sonne gebrannt hatte, steigen wir aus, legen uns in den Schatten der Bäume am Straßenrand und essen erst einmal die Traubentüte leer auf der noch der Name der „Alimentation General“ in der Rue du Paris prangt

Die Rue du Paris und Lyon! Vor wenigen Stunden noch waren wir da wie zu Hause und jetzt liegt das alles schon so unendlich weit denn wir sind wieder unterwegs auf dem Marsch. Und auf dem Marsch denkt man nur an das was vor einem liegt, auch jüngst Vergangenes scheint unendlich weit zurück zu liegen. Jetzt ist die Landstraße wieder das was sie uns in dieser Zeit geworden ist unsere zweite Heimat. Seit wir Ende August auf einem gottverlassenen schlesischen Bahnhof nahe der polnischen Grenze ausgeladen wurden, haben wir vieles kennen gelernt, die schlechten polnischen Landstraßen, die bestenfalls mit Schotter bestreut waren, meistens aber nur aus Staub oder, wenn es regnete, nur aus Matsch bestanden. In vier Wochen haben wir Polens Straßen besser kennen gelernt als uns lieb war. Im Oktober desselben Jahres waren wir dann von der schönen, aber steilen Eifel über die Ahr zum Niederrhein gezogen. Trotz der Berge, die wir dabei zu überwinden hatten, waren die Straßen so verschieden von den polnischen wie Straßen nur verschieden voneinander sein können, so dass uns dieser Marsch von Kyllburg nahe der luxemburgischen Grenze bis Kempen am Niederrhein in weitaus angenehmerer Erinnerung ist als der Marsch von Trebnitz nach Lowitz. Nach dem langen, harten Winter am Niederrhein kam dann der Marsch Kempen—Lyon, wieder Marsch und Kampf zugleich wie in Polen. Und nun kommt nach sechs Wochen glücklich-schönen Aufenthalts in Lyon der vierte Marsch dieser Zeit, von Lyon nach Dozulé. Was hinter dem Namen Dozulé, den wir nur im strengsten Vertrauen und auch das noch unbefugt gehört haben steckt, das Wissen wir noch nicht. Ein Flecken in der Normandie ist es, das wissen wir, mehr aber auch nicht.