Mit ‘Familie’ getaggte Artikel

Der alte Graf

Dienstag, 11. Mai 2010

Nicht einmal der alte Graf vermochte etwas dagegen. Wir machten seine Bekanntschaft sehr bald nach unserer Ankunft, obwohl es uns zunächst schwer fiel, ihn als Grafen zu erkennen. Er schritt keineswegs in der malerischen Tracht des Malteserordens einher, dessen Ritter er war, sondern trippelte in einer Hose und einem Alpakajackett durch die Gegend, zu welcher Kombination er einen gelben Strohhut trug. Diese Kreissäge schmückte er täglich mit zwei neuen wallenden Federn, deren Lieferanten meistens Hähne, zuweilen auch Fasanen waren. Nichts konnte den alten Herrn mehr begeistern, als wenn er auf einem Gang durch den Park eine derartige als Zierrat geeignete Feder fand. War seine Aufmachung also nicht gerade gräflich, so doch originell. Leider war der alte Herr fast taub, was ihn nicht hinderte, selber sehr gesprächig zu sein. Traf er in der Halle seines Schlosses auf einen Besucher, von dem er an nahm, dass er französisch verstünde, so nahm er ihn in jovialer Art beim Arm und erklärte ihm sämtliche Bilder im Schloss sowohl in künstlerischer Hinsicht als auch im Hinblick auf die Geschichte seines Hauses. Diese Erklärungen waren wirklich ungemein interessant, sofern der Zuhörer des Französischen mächtig war.

Für einen solchen war es ein Genuss zuzuhören. Diese Bilder aus Jahrhunderten zeigten weltberühmte Politiker köpfe, Könige und Kardinäle von Frankreich, unsterbliche Künstler und Schriftsteller und immer wieder Grafen von Prongues und ihre Frauen. Aus all dem sprach die innige Verflechtung eines großen Adelsgeschlechtes mit Glanz und Unglück seines Landes, diese Bilder ergaben förmlich in der Geschichte einer einzelnen Familie das auf einen kleinen, aber edlen Rahmen projizierte Geschichtsbild Frankreichs.

Lyon

Sonntag, 02. Mai 2010

Und Sie vermissen Lyon gar nicht, Maidame?”

Sie überlegt einen Augenblick: „Nein! Zuerst war es ja nicht so einfach, weil man in vielem als Großstädter verwöhnt ist. Aber sehen Sie, wir haben einen guten Radioapparat”, während sie das sagt, klingt gerade Tito Rossis schmeichlerische Stimme durch die geräumige Wohnküche, in der wir uns unterhalten, „der gibt uns immer Abwechslung und Unterhaltung. Gelegentlich sehen wir uns in der Stadt einen Film an und jedes Jahr einmal fahren wir nach Lyon, um die Familie zu besuchen. Aber wenn wir dann eine Woche dort sind, dann zieht es uns schon wieder hierher. Hier haben wir ja auch alles.”

Rosette begleitet Mamas Ausführungen mit einem etwas schiefen, koketten Lächeln. Ihr fehlt Lyon doch ein bisschen mehr, denkt sie. Aber ist das für einen jungen Menschen nicht ganz natürlich Während unserer Unterhaltung hat Mama mit selbstverständlicher Fürsorge unsere Eier zu einer großen Omelette zusammen gerührt und dazu eine gehörige Portion Bratkartoffeln zubereitet. Sie trägt unsere Mahlzeit auf, und wir lassen es uns gut schmecken. Als wir mitten darin sind, kommt Vater André mit Archipel nach Hause. Ihr Essen ist fertig und die Familie setzt sich zu uns an den großen Tisch. Es ergibt sich ganz von selbst, dass wir ihr Getränk und ihr Dessert mit ihnen teilen, sie wären gekränkt, täten wir es nicht. Den Kaffee haben wir zur Verfügung gestellt, die Mutter bereitet ihn stark und aromatisch, die Zigaretten geben wir auch, denn die sind in der Gegend unerhältlich geworden. Unsere leichten deutschen Zigaretten schmecken den ausgepichten französischen Kehlen nicht so recht, welch Glück, dass wir zufällig eine Packung “Gauloise” haben, jenes für uns ungenießbare schwarze Kraut, das wir hier endlich an den Mann bringen können. Auch Rosette raucht und ihre Eltern finden es ist ein Wahnsinn, sagt Vater André, den wir niemals hätten beginnen dürfen.