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30 Pferde

Mittwoch, 05. Mai 2010

In den Nebengebäuden des Chateau leben Leute aller Nationalitäten, Landarbeiter und Gärtner aus Polen, Böhmen, Südslawen. Frankreich ist das Land mit der Landflucht, und zumal hier scheinen es französische Arbeiter nicht auszuhalten. Wir hören von diesen geduldigeren und anspruchslosen Leuten, dass der Schlossherr Besitzer mehrerer großer Zuckerfabriken, ungewöhnlich wohlhabend und noch knickriger ist. Nun, das soll uns gleichgültig bleiben, solange er sich uns gegenüber anständiger verhält als seine Frau. Während wir das sagen, kommt er schon an geritten auf einem nicht mehr jugendlichen Fuchs. Hastig flüstert mir ein Arbeiter zu, das sei der “Patron” und verschwindet vor dem Blick des Gestrengen.

An der Hofscheune, vor der wir gerade stehen, ist mit großen Kreidebuchstaben „30 Pferde” angeschrieben, die Einweisungszeichen der Artillerie-Abteilung, die übermorgen hier für längere Zeit Quartier nehmen soll. Ähnliche Zeichen stehen überall an Scheunen und Ställen, einige hundert Pferde werden wohl hier einziehen. Der Reiter versteht genug Deutsch, um zu wissen, was das bedeutet. Wütend will er weiter reiten, als ihn der dicke Gusto, unser Spaßvogel, anhält: „He, warte mal!” Der Patron dreht sich missbilligend um, aber angesichts Gutos Körperumfangs und der ihn noch unterstreichenden energischen Haltung lässt er seinen Zossen halten. Gusto weist auf die Kreide Einschrift und sagt, langsam, deutlich und mit Betonung:

Übermorgen kommen viele, viele Pferde. Bleiben viele, viele Wochen. Essen viel, viel Heu.”

Hierbei zeigt Gusto auf die nahen Heuschober und macht höchst anschauliche Essbewegungen. Seine Ausführungen wirkten so klar auf den geizigen Fabrik- und Gutsbesitzer, dass der Hofscheune, Heuschober und uns nacheinander mit erschrocken aufgerissenen Augen betrachtet, um anschließend weg zu sprengen, so schnell ihn seine Mähre tragen will, gefolgt von unserem fröhlichen Gelächter.