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Lyon

Sonntag, 02. Mai 2010

Und Sie vermissen Lyon gar nicht, Maidame?”

Sie überlegt einen Augenblick: „Nein! Zuerst war es ja nicht so einfach, weil man in vielem als Großstädter verwöhnt ist. Aber sehen Sie, wir haben einen guten Radioapparat”, während sie das sagt, klingt gerade Tito Rossis schmeichlerische Stimme durch die geräumige Wohnküche, in der wir uns unterhalten, „der gibt uns immer Abwechslung und Unterhaltung. Gelegentlich sehen wir uns in der Stadt einen Film an und jedes Jahr einmal fahren wir nach Lyon, um die Familie zu besuchen. Aber wenn wir dann eine Woche dort sind, dann zieht es uns schon wieder hierher. Hier haben wir ja auch alles.”

Rosette begleitet Mamas Ausführungen mit einem etwas schiefen, koketten Lächeln. Ihr fehlt Lyon doch ein bisschen mehr, denkt sie. Aber ist das für einen jungen Menschen nicht ganz natürlich Während unserer Unterhaltung hat Mama mit selbstverständlicher Fürsorge unsere Eier zu einer großen Omelette zusammen gerührt und dazu eine gehörige Portion Bratkartoffeln zubereitet. Sie trägt unsere Mahlzeit auf, und wir lassen es uns gut schmecken. Als wir mitten darin sind, kommt Vater André mit Archipel nach Hause. Ihr Essen ist fertig und die Familie setzt sich zu uns an den großen Tisch. Es ergibt sich ganz von selbst, dass wir ihr Getränk und ihr Dessert mit ihnen teilen, sie wären gekränkt, täten wir es nicht. Den Kaffee haben wir zur Verfügung gestellt, die Mutter bereitet ihn stark und aromatisch, die Zigaretten geben wir auch, denn die sind in der Gegend unerhältlich geworden. Unsere leichten deutschen Zigaretten schmecken den ausgepichten französischen Kehlen nicht so recht, welch Glück, dass wir zufällig eine Packung “Gauloise” haben, jenes für uns ungenießbare schwarze Kraut, das wir hier endlich an den Mann bringen können. Auch Rosette raucht und ihre Eltern finden es ist ein Wahnsinn, sagt Vater André, den wir niemals hätten beginnen dürfen.

Pause

Donnerstag, 29. April 2010

Jetzt liegen wir im Rasen am Rande der Straße, die irgendwie dorthin führen wird und denken daran, dass eigentlich Essenszeit wäre. Aber die Gulaschkanone ist weit entfernt, bei der Kompanie. Dafür aber steht auf der anderen Straßenseite ein Gasthaus, offensichtlich ein Ausflugslokal für sonntägliche Lyoner. Wir haben nicht viel Zeit, denn es kann jeden Augenblick weitergehen, unser Mittagessen besteht deshalb lediglich aus Brot und Butter mit Käse sowie einer Flasche roten Bordeaux. Das schmeckte großartig und war nach sechs Wochen Hotel leben eine nette Abwechslung. Das Dessert besorgen wir uns selber, denn wir sehen Kameraden mit Reineclauden ankommen, die man in einem verlassenen Garten, er ist in den etwa acht Wochen seit der Flucht seiner Besitzer schon sehr verwildert, pflücken kann. Die überreifen Früchte schmecken herrlich und lassen keinen Durst aufkommen.

Weiter geht die Fahrt, und als wir in unserem Nachtquartier eintreffen, sind wir schon ein Gutes Stück von Lyon entfernt. Ein Jagdhaus nimmt unser Stabsquartier auf, wir wohnen Teils im gleichen Gebäude, Teils in den bescheideneren Häusern ringsum. Nebenan im Gutshof ist eine ganze Kompanie untergebracht.

Unsere Gastgeber an diesem Abend sind sehr arme Leute, die sich staunend erzählen lassen von Lyon, das ihnen viel fremder ist als uns. Dort gewesen sind sie natürlich auch schon, aber viel mehr als die Warenhäuser scheinen sie nicht gesehen zu haben. Da das Elektrizitätswerk noch zerstört ist, funktioniert das elektrische Licht noch nicht wieder, und wir gehen nach dem Tag an der frischen Luft früh in unser Zimmer, und schlafen zu zweit in dem groß mächtigen Bett ganz großartig, nachdem wir das abdrückende Plumeau hinausgeworfen haben.