Für einige Stunden sind wir nun in Paris, fühlen wir uns wieder heimisch auf dem glänzenden Asphalt, den wir sechs Wochen lang beschwert haben. Die Fahrt vorbei am Arc de Triomphe, durch die Champs-Elysees, über den Pont Alexandre III zum Quai d’Orsay mit unserem ehemaligen Quartier, dem „Palais d’Orsay”, ist ein frohes Sich-erinnern. Paris hatte sich in diesen zwei Wochen, die wir fort waren, nicht verändert, es herrschte die gleiche Geschäftigkeit in den Straßen, die Cafés auf den Boulevards waren genau so belebt wie zu der Zeit, als wir selber täglich davor gesessen hatten.
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Paris
Dienstag, 18. Mai 2010Michele
Mittwoch, 12. Mai 2010Inzwischen sind wir rechtschaffen hungrig geworden. Müller harrt ein kaltes Abendbrot ohne besondere Attraktionen unser, ein Umstand, der uns nicht sehr reizvoll erscheint. Führen wir uns also ein anständiges Diner in einem Restaurant zu Gemüt, das mit einer Flasche Graves bestimmt eine vergnügliche Angelegenheit werden wird gehen wir zusammen an Land, um einen Strandbummel folgen zu lassen.
Ich sehe schon die Kameraden, die uns beide von weitem mustern, aber noch so intensiv mit der Bewunderung von Micheles Reizen beschäftigt sind, daß sie stumm und untätig bleiben. Ich nutze das aus, um meine Eroberung abseits zu ziehen und mit ihr zu promenieren. Sie ist nicht nur ein schönes, sondern auch sehr intelligentes Mädel, mit dem es wirkliche Freude macht sich zu unterhalten. Der Wahrheit die Ehre zu geben, sie war ein viel zu reizvolles Mädchen, um rein intellektuell für sich zu interessieren. Deshalb erörterte ich auch mit ihr, wie wir den weiteren Nachmittag und Abend zusammen verbringen wollten, eine Frage, die ihr durchaus nicht unsympathisch zu sein schien. Währenddessen bemerkte ich zwei meiner Kameraden, die sich mit äußerlich liebenswürdigen, aber doch unheildrohenden Mienen näherten. Während ich nachdachte, wie ich das abwenden könnte, was ich kommen sah, sagte Michele:
„Dann ist es am besten, wir ziehen uns jetzt beide an und treffen uns in einer halben Stunde wieder.”
Unser Zelt
Dienstag, 11. Mai 2010Schon der nächste Morgen bringt einen kurzen Sprühregen und lässt uns damit zu Bewusstsein kommen, dass wir uns auf die Dauer nicht mit dem gestern Nachmittag schnell auf die Terrasse neben dem Gärtner Haus gestellten großen Tisch und Stühlen als einzigem Aufenthalts und Speiseraum begnügen können. Es ist ja wunderschön, wenn es trocken ist, aber bei Regen? Dieser Überlegung folgt auf dem Fuß die übliche große Debatte mit dem Thema: was also tun Als bester Plan kristallisiert sich aus dieser Debatte der Bau eines großen, hohen Zeltes aus dem mitgeführten zahlreichen Zeltbahnen heraus, eines Zeltes, das idyllisch an die hohe Hecke am Teich angelehnt werden soll.
Mit Tatfreudigkeit wird diese Arbeit sofort in Angriff genommen und schon zu Mittag steht ein Zeh, das sich sehen lassen kann. Wo die Zeltbahnen an den Seitenwänden nicht ausreichten, wird eine dichte Wand aus Nadelholzzweigen angebracht, die Zug und Licht vollkommen abhält. Nach einer Schmalseite ist das Zelt offen, ein flaches Zeltdach verlängert hier den luftigen Bau sozusagen um eine gedeckte Veranda.
Jetzt kann uns weder Sonne noch Regen etwas anhaben. Wir freuen uns so kindlich wie der erste Mensch beim Bau seiner ersten Hütte.
Nun gilt unsere nächste Sorge der komfortablen Möbelierung unseres Zeltes, eine Aufgabe, die in wenigen Tagen vollkommen gelöst war.
Calvados
Freitag, 07. Mai 2010Lisieux liegt schon im Zentrum der Normandie und wir fahren nun der Küste dieses grünen Landes entgegen. Die Straße führte mit Senkungen und Steigungen durch eine abwechslungsreiche, schöne Landschaft von Wäldern und Wiesen. Getreidefelder fehlten in diesem Bild, um so mehr Apfelbäume gab es dafür. Die Normandie ist keine Kornkammern Frankreichs, es wird dort vorzugsweise starke Vieh- und Milchwirtschaft betrieben (Camembert ist eine normannische Spezialität), es ist das Land des Cidre, jenes schwachen, sauren Apfelweins, der den Durst so gut löscht und so gesund ist, und des Calvados, des daraus gebrannten Apfelschnapses, dem rheinischen Trester ähnelnd. Der Calvados ist die zentrale Landschaft der Normandie, eben die, in der wir uns nun häuslich niederlassen sollten, und hier braut man aus dem harmlosen Cidre einen sechzig- bis siebzig-prozentigen Apfelschnaps, der in der Jugend wasserhell ist und im Alter goldgelb wird. Alle Alten Leute der Normandie schwören auf den Calvados, trinken ihn pur oder im Kaffee, um ihren Haken gesund zu halten, wie sie behaupten. Viele Fremde, die hier erst den Calvados kennen lernen, huldigen im Übrigen der Ansicht, dass nur eine durch und durch gesunde Natur größere Mengen dieses teuflisch-scharfen Schnapses auf die Dauer vertragen kann.
Halten wir uns nun nicht länger mit den Apfelbäumen auf, die überall stehen und eine derartige alkoholische Funktion ausüben. Es lohnt sich auch, die Landschaft anzuschauen, denn sie ist schön, die Ortschaften sauber und freundlich. Groß gewachsene, gut aussehende, blonde Menschen leben hier, sieht man sie an, fühlt man sich fast zu Hause. Wir sind durch ein kleines Dorf gekommen. Lauter kleine, bunte, einstöckige Häuser, alle mit Wein, Klematis oder Rankrosen bewachsen. Ein idyllischer Friede liegt darüber, ein sommerliches Summen zieht durch die durch sonnte Luft.
Über kleine Flüsse, durch romantische Schluchten, die mit hohen Bäumen bestanden sind, führt unsere steile Straße, dann sind wir angekommen. Dozulé, der Marktflecken unweit der Küste, ist erreicht. Man verzeihe mir die vielen Bemerkungen, die auf leibliche Genüsse hinzielen, aber die kleine Patisserie des Herrn Comecon mit ihrem winzigen Salon de Thé muss ich doch erwähnen. Diese Konditorei nahm uns beim ersten Anblick gefangen und hat uns nicht wieder losgelassen, solange wir bei Dozulé lagern.
Pause
Donnerstag, 29. April 2010Jetzt liegen wir im Rasen am Rande der Straße, die irgendwie dorthin führen wird und denken daran, dass eigentlich Essenszeit wäre. Aber die Gulaschkanone ist weit entfernt, bei der Kompanie. Dafür aber steht auf der anderen Straßenseite ein Gasthaus, offensichtlich ein Ausflugslokal für sonntägliche Lyoner. Wir haben nicht viel Zeit, denn es kann jeden Augenblick weitergehen, unser Mittagessen besteht deshalb lediglich aus Brot und Butter mit Käse sowie einer Flasche roten Bordeaux. Das schmeckte großartig und war nach sechs Wochen Hotel leben eine nette Abwechslung. Das Dessert besorgen wir uns selber, denn wir sehen Kameraden mit Reineclauden ankommen, die man in einem verlassenen Garten, er ist in den etwa acht Wochen seit der Flucht seiner Besitzer schon sehr verwildert, pflücken kann. Die überreifen Früchte schmecken herrlich und lassen keinen Durst aufkommen.
Weiter geht die Fahrt, und als wir in unserem Nachtquartier eintreffen, sind wir schon ein Gutes Stück von Lyon entfernt. Ein Jagdhaus nimmt unser Stabsquartier auf, wir wohnen Teils im gleichen Gebäude, Teils in den bescheideneren Häusern ringsum. Nebenan im Gutshof ist eine ganze Kompanie untergebracht.
Unsere Gastgeber an diesem Abend sind sehr arme Leute, die sich staunend erzählen lassen von Lyon, das ihnen viel fremder ist als uns. Dort gewesen sind sie natürlich auch schon, aber viel mehr als die Warenhäuser scheinen sie nicht gesehen zu haben. Da das Elektrizitätswerk noch zerstört ist, funktioniert das elektrische Licht noch nicht wieder, und wir gehen nach dem Tag an der frischen Luft früh in unser Zimmer, und schlafen zu zweit in dem groß mächtigen Bett ganz großartig, nachdem wir das abdrückende Plumeau hinausgeworfen haben.