Eines Mittags hieß es nun nach Caen fahren. Uns beide, die es traf, berührte es nicht unangenehm, wenn auch das Wetter ausnahmsweise sehr trüb und regnerisch war. Aber trotzdem: Caen, die alte historische Hauptstadt des Départements Calvados, hätten wir schon seit längerer Zeit gern kennengelernt, ohne daß sich bis heute die Gelegenheit dazu geboten hätte. Dies war eine günstige Gelegenheit. Über Dozulé ging die Fahrt durch zuerst welliges, dann immer flacheres Gelände. Mit den Hügeln verschwanden auch Weiden und Knicks, und wir trafen auf die ersten Getreidefelder der Normandie. Die Ernte war schon beendet, sauber und kahl breitete sich das Land. Die Gegend um Caen, ein geräumiges Tal, ist die Kornkammer des Calvados. Ihre Flachheit und zugleich damit ihr besserer Boden erlauben in größerem Umfang den Weizenanbau.
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Caen
Mittwoch, 19. Mai 2010Ankunft
Samstag, 08. Mai 2010Nach der gemütlichen Pause hieß es wieder weiter fahren, um das Château de Prongues zu suchen, das uns als Quartier zugewiesen war. Es war gar nicht leicht, dies abseits der Hauptstraßen gelegene Schloss zu finden, und es wurde zunächst eine Irr fahrt, allerdings durch die Schönheit der Landschaft alles andere wie unangenehm war. Als wir mit dem Wagen eine der vielen Berghöhen erklommen hatten, erblickten wir zum ersten mal das Meer hinter dem welligen, durch zahlreiche Knicks unterbrochenen Gelände. Grau und glatt, endlos breitete sich das Wasser, kein Segel und kein, Schornstein unterbrach die weite Fläche.
Gewiss es ist nur der Kanal, das wissen wir, und gute hundert Kilometer dahinter liegt England. Dies Meer bedeutet Schicksal, vielleicht unser Schicksal, und darum, ist es schwer, sich von seinem Anblick loszureißen. Was kann auch gerade dies graue Wasser hier für unser eigenen, persönliches Schicksal bedeuten! Wir müssen aber weiter, es hilft nichts. Endlich, nach langem Suchen, kommen wir vor ein großes, schmiede eisernes Tor, hinter dem ein großer Park, von steinerner Mauer befriedet, liegt. Von einem Schloss ist außer dem kleinen Wegweiser „Au Chateau” nichts zu sehen. Durch den Wald artigen Park fahren wir den abfallenden, steinigen Weg hinunter, kommen auf eine Lichtung und da liegt der edle, gelbe Bau des Schlosses vor uns. Es ist kein großes und eigentlich auch kein prächtiges Schloss, aber ein so durchaus adliges und geräumiges Gebäude, dass man es sofort lieb gewinnt. Hier werden wir also für eine vielleicht lange Zeit liegen. Wir sind angelangt und zufrieden. Hier ist es so schön, dass man sich wird wohl fühlen müssen.
Weiter Reise
Freitag, 07. Mai 2010Am nächsten Morgen begann dann die letzte Etappe der Reise zur Kanalküste. Auch dieser Tag war so schön wie die vorhergegangenen. Es war zwar heiß im Wagen trotz der geöffneten Fenster, aber die Fahrt war doch wunderschön. Durch abgeerntete Kornfelder ging die Fahrt zuerst nach Evreux, einem Städtchen inmitten eines Bergeinschnittes, ein wichtiger Knotenpunkt von strategischer Bedeutung. Das war der kleinen Stadt zum Unglück ausgeschlagen, denn sie wies Spuren des Kampfes auf, der vor acht Wochen hier getobt hatte. Die Stadt war übel zugerichtet. Es war wie eine Mahnung an den Zeit, den wir auf dieser fröhlichen Reise fast vergessen hatten. Man sah den Leuten von Evreux die Spuren der Eindrücke an, die hinter ihnen lagern. Sie hatten keine frohen Gesichter. Wir waren erleichtert, als Evreux wieder hinter uns lag. Von der Landstraße aus sah man die weiten Stoppelfelder, die kleinen Dörfer, die sanften grünen Hügel. Zuweilen ein Feldflugplatz, so vorzüglich getarnt, dass man ihn kaum bemerken konnte. Zuweilen auch Scheinflugplätze mit nicht ganz so sorgfältiger Tarnung. Hier hatte man Flugzeug Attrappen getarnt, die ständig der Windrichtung angepasst wurden, um dem Tommy die Illusion vollkommen zu machen. Wir hörten später oft von „erfolgreichen” Angriffen der Engländer auf derartige Scheinflugplätze und man muss ihnen zugute halten, dass ihr Irrtum verzeihlich, weil erklärlich gewesen ist.
Fast zwei Stunden brauchten wir bis zur nächsten Stadt, bis zum heiligen Lisieux, einem großen Wallfahrtsort, dessen Basilika der heiligen Therese neu und weiß schon von der Ferne aus die Augen fesselt. Hier gab es keine Zerstörung, ruhig und friedlich lag das Städtchen mit seinen engen, steilen Straßen, seinen vielen Kirchtürmen da. Es tat uns direkt leid, nicht anhalten zu können, aber wir hatten unser Ziel ja noch nicht erreicht. Man würde schon noch einmal Gelegenheit finden, sich Lisieux ausführlicher anzuschauen.
Landstrasse
Donnerstag, 29. April 2010Heiß brennt die Sonne auf das weiße Band der Landstraße Es ist Mittagszeit und unsere Kraftwagen-Kolonne hält in der kleinen Siedlung westlich von Lyon das wir vor wenigen Stunden verlassen haben. Steif und sogar ein wenig müde von der Fahrt im stickigen geschlossenen Wagen, auf dessen Verdeck ununterbrochen die Sonne gebrannt hatte, steigen wir aus, legen uns in den Schatten der Bäume am Straßenrand und essen erst einmal die Traubentüte leer auf der noch der Name der „Alimentation General“ in der Rue du Paris prangt
Die Rue du Paris und Lyon! Vor wenigen Stunden noch waren wir da wie zu Hause und jetzt liegt das alles schon so unendlich weit denn wir sind wieder unterwegs auf dem Marsch. Und auf dem Marsch denkt man nur an das was vor einem liegt, auch jüngst Vergangenes scheint unendlich weit zurück zu liegen. Jetzt ist die Landstraße wieder das was sie uns in dieser Zeit geworden ist unsere zweite Heimat. Seit wir Ende August auf einem gottverlassenen schlesischen Bahnhof nahe der polnischen Grenze ausgeladen wurden, haben wir vieles kennen gelernt, die schlechten polnischen Landstraßen, die bestenfalls mit Schotter bestreut waren, meistens aber nur aus Staub oder, wenn es regnete, nur aus Matsch bestanden. In vier Wochen haben wir Polens Straßen besser kennen gelernt als uns lieb war. Im Oktober desselben Jahres waren wir dann von der schönen, aber steilen Eifel über die Ahr zum Niederrhein gezogen. Trotz der Berge, die wir dabei zu überwinden hatten, waren die Straßen so verschieden von den polnischen wie Straßen nur verschieden voneinander sein können, so dass uns dieser Marsch von Kyllburg nahe der luxemburgischen Grenze bis Kempen am Niederrhein in weitaus angenehmerer Erinnerung ist als der Marsch von Trebnitz nach Lowitz. Nach dem langen, harten Winter am Niederrhein kam dann der Marsch Kempen—Lyon, wieder Marsch und Kampf zugleich wie in Polen. Und nun kommt nach sechs Wochen glücklich-schönen Aufenthalts in Lyon der vierte Marsch dieser Zeit, von Lyon nach Dozulé. Was hinter dem Namen Dozulé, den wir nur im strengsten Vertrauen und auch das noch unbefugt gehört haben steckt, das Wissen wir noch nicht. Ein Flecken in der Normandie ist es, das wissen wir, mehr aber auch nicht.