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Die Gräfin

Mittwoch, 12. Mai 2010

Die Tochter des alten Grafen, die Gräfin von Geschminkt (so lautete ihr Name in wörtlicher deutscher Übersetzung), sprach so deutsche Worte, mit denen sie beachtliche Erfolge erzielte. Sie hatte die Redseligkeit ihres Vaters geerbt, war aber ebenfalls nicht uninteressant dabei. Neben den Angelegenheiten unseres Zusammenlebens besprach sie vorwiegend das ungewisse Schicksal ihres Mannes mit uns. Von ihrem Ältesten sprach sie nicht, denn sie hatte die Hoffnung verloren.

An der Gräfin von Geschminkt (ihr französischer Name war den meisten zu schwierig) hatten wir in der Folgezeit auch in den umliegenden Ortschaften unsere Freude, wenn sie, da es kein Benzin für ihren schönen Kraftwagen mehr gab, mit großer Würde auf einem kleinen Esel wagen saß, mit dem sie ihre Einkäufe erledigte. Sie war um ihren Sohn in Trauer, zog sich stets sehr einfach an und ließ lediglich ihrem Gesicht das zukommen, was ihm ihrem Namen nach gebührte. Es war ein komischer Anblick, die Gräfin auf ihrem Bock thronen zu sehen, während das kleine Grautier mit hängenden Ohren munter dahin trabte oder auch gelegentlich störrisch wurde und dann erst nach längeren Ansprachen seiner Lenkerin seine Pflicht wieder aufnahm.

Der alte Graf

Dienstag, 11. Mai 2010

Nicht einmal der alte Graf vermochte etwas dagegen. Wir machten seine Bekanntschaft sehr bald nach unserer Ankunft, obwohl es uns zunächst schwer fiel, ihn als Grafen zu erkennen. Er schritt keineswegs in der malerischen Tracht des Malteserordens einher, dessen Ritter er war, sondern trippelte in einer Hose und einem Alpakajackett durch die Gegend, zu welcher Kombination er einen gelben Strohhut trug. Diese Kreissäge schmückte er täglich mit zwei neuen wallenden Federn, deren Lieferanten meistens Hähne, zuweilen auch Fasanen waren. Nichts konnte den alten Herrn mehr begeistern, als wenn er auf einem Gang durch den Park eine derartige als Zierrat geeignete Feder fand. War seine Aufmachung also nicht gerade gräflich, so doch originell. Leider war der alte Herr fast taub, was ihn nicht hinderte, selber sehr gesprächig zu sein. Traf er in der Halle seines Schlosses auf einen Besucher, von dem er an nahm, dass er französisch verstünde, so nahm er ihn in jovialer Art beim Arm und erklärte ihm sämtliche Bilder im Schloss sowohl in künstlerischer Hinsicht als auch im Hinblick auf die Geschichte seines Hauses. Diese Erklärungen waren wirklich ungemein interessant, sofern der Zuhörer des Französischen mächtig war.

Für einen solchen war es ein Genuss zuzuhören. Diese Bilder aus Jahrhunderten zeigten weltberühmte Politiker köpfe, Könige und Kardinäle von Frankreich, unsterbliche Künstler und Schriftsteller und immer wieder Grafen von Prongues und ihre Frauen. Aus all dem sprach die innige Verflechtung eines großen Adelsgeschlechtes mit Glanz und Unglück seines Landes, diese Bilder ergaben förmlich in der Geschichte einer einzelnen Familie das auf einen kleinen, aber edlen Rahmen projizierte Geschichtsbild Frankreichs.

Rundgang im Schloss

Montag, 10. Mai 2010

Als wir in die Halle des Schlosses treten, die von einem riesigen Bild des Roi Soleil beherrscht. Vor 800 Jahren schon lebten hier die Grafen von Prongues, und die Marmortafel spricht von dem fernen Vorfahren, der mit Wilhelm dem Eroberer aus einem Schloss, das früher hier stand, gegen England fuhr, bei Hastings mitkämpfte und ein großes, mächtiges Geschlecht in England gründete, dessen späte Enkel es nach vielen Jahrhunderten wieder verließen, um in Heimat und Schloss ihrer Altvorderen zurückzukehren. Nur einen Seitenblick können wir auf diese Geschichte um witterte Tafel werfen, denn es gilt, die Herrin des Schlosses zu begrüßen und mit ihr die nun zu treffenden Maßnahmen  zu besprechen.

Die Frau Gräfin entschuldigt ihren Vater, den letzten Grafen von Prongues, wegen seines Alters. Er kann sich um dergleichen nicht mehr bekümmern. Man kommt mit ihr sehr gut aus, denn sie ist entgegenkommend, ohne ihrer Würde als Französin etwas zu vergeben.

Die Gräfin lässt uns nun das Schloss besichtigen und ihre Führung ist hochinteressant. Es gibt keine neu modischen Möbel, kein modernes Bild in den Gängen und Zimmern, nur die umkleideten Heizkörper und die elektrischen Birnen in den antiken Lampen erinnern an das Zeitalter der Technik. Das Schloss ist ganz und gar mit alten Kostbarkeiten eingerichtet, die nicht muffig, sondern lebendig wirken. Die Wände sind mit riesigen Gobelins herrlicher Arbeit bedeckt, überall hängen Gemälde, die einen Ehrenplatz im Museum verdienten und die engen Beziehungen und Verflechtungen der Familie mit der Geschichte Frankreichs andeuten.

Ankunft

Samstag, 08. Mai 2010

Nach der gemütlichen Pause hieß es wieder weiter fahren, um das Château de Prongues zu suchen, das uns als Quartier zugewiesen war. Es war gar nicht leicht, dies abseits der Hauptstraßen gelegene Schloss zu finden, und es wurde zunächst eine Irr fahrt, allerdings durch die Schönheit der Landschaft alles andere wie unangenehm war. Als wir mit dem Wagen eine der vielen Berghöhen erklommen hatten, erblickten wir zum ersten mal das Meer hinter dem welligen, durch zahlreiche Knicks unterbrochenen Gelände. Grau und glatt, endlos breitete sich das Wasser, kein Segel und kein, Schornstein unterbrach die weite Fläche.

Gewiss es ist nur der Kanal, das wissen wir, und gute hundert Kilometer dahinter liegt England. Dies Meer bedeutet Schicksal, vielleicht unser Schicksal, und darum, ist es schwer, sich von seinem Anblick loszureißen. Was kann auch gerade dies graue Wasser hier für unser eigenen, persönliches Schicksal bedeuten! Wir müssen aber weiter, es hilft nichts. Endlich, nach langem Suchen, kommen wir vor ein großes, schmiede eisernes Tor, hinter dem ein großer Park, von steinerner Mauer befriedet, liegt. Von einem Schloss ist außer dem kleinen Wegweiser „Au Chateau” nichts zu sehen. Durch den Wald artigen Park fahren wir den abfallenden, steinigen Weg hinunter, kommen auf eine Lichtung und da liegt der edle, gelbe Bau des Schlosses vor uns. Es ist kein großes und eigentlich auch kein prächtiges Schloss, aber ein so durchaus adliges und geräumiges Gebäude, dass man es sofort lieb gewinnt. Hier werden wir also für eine vielleicht lange Zeit liegen. Wir sind angelangt und zufrieden. Hier ist es so schön, dass man sich wird wohl fühlen müssen.

Weiter Reise

Freitag, 07. Mai 2010

Am nächsten Morgen begann dann die letzte Etappe der Reise zur Kanalküste. Auch dieser Tag war so schön wie die vorhergegangenen. Es war zwar heiß im Wagen trotz der geöffneten Fenster, aber die Fahrt war doch wunderschön. Durch abgeerntete Kornfelder ging die Fahrt zuerst nach Evreux, einem Städtchen inmitten eines Bergeinschnittes, ein wichtiger Knotenpunkt von strategischer Bedeutung. Das war der kleinen Stadt zum Unglück ausgeschlagen, denn sie wies Spuren des Kampfes auf, der vor acht Wochen hier getobt hatte. Die Stadt war übel zugerichtet. Es war wie eine Mahnung an den Zeit, den wir auf dieser fröhlichen Reise fast vergessen hatten. Man sah den Leuten von Evreux die Spuren der Eindrücke an, die hinter ihnen lagern. Sie hatten keine frohen Gesichter. Wir waren erleichtert, als Evreux wieder hinter uns lag. Von der Landstraße aus sah man die weiten Stoppelfelder, die kleinen Dörfer, die sanften grünen Hügel. Zuweilen ein Feldflugplatz, so vorzüglich getarnt, dass man ihn kaum bemerken konnte. Zuweilen auch Scheinflugplätze mit nicht ganz so sorgfältiger Tarnung. Hier hatte man Flugzeug Attrappen getarnt, die ständig der Windrichtung angepasst wurden, um dem Tommy die Illusion vollkommen zu machen. Wir hörten später oft von „erfolgreichen” Angriffen der Engländer auf derartige Scheinflugplätze und man muss ihnen zugute halten, dass ihr Irrtum verzeihlich, weil erklärlich gewesen ist.

Fast zwei Stunden brauchten wir bis zur nächsten Stadt, bis zum heiligen Lisieux, einem großen Wallfahrtsort, dessen Basilika der heiligen Therese neu und weiß schon von der Ferne aus die Augen fesselt. Hier gab es keine Zerstörung, ruhig und friedlich lag das Städtchen mit seinen engen, steilen Straßen, seinen vielen Kirchtürmen da. Es tat uns direkt leid, nicht anhalten zu können, aber wir hatten unser Ziel ja noch nicht erreicht. Man würde schon noch einmal Gelegenheit finden, sich Lisieux ausführlicher anzuschauen.

Neuer Tag

Dienstag, 04. Mai 2010

Was bringt der neue Tag?

Er bringt zuerst den herzlichen Abschied von unseren Wirts Leuten, deren „Bonne Chance” sicherlich aufrichtig gemeint ist. Ihr Frühstück hat uns vorzüglich gemündet und wir hatten Schwierigkeiten, Maidame zur Annahme einer kleinen Aufmerksamkeit zu bewegen.

Die Wagenkolonne fährt gemächlich, es sind ja heute nur schäbige 35 km zu bewältigen. Am Ziel muss ich sofort als Dolmetscher ans Verhandeln gehen, denn das Chateau, in das unser Stab heute zieht, ist ein schwieriger Fall, wie ich sogleich merke, denn die Schlossherrin ist weniger als unliebenswürdig, sie ist eine Megäre in sehr ansprechender Verpackung. Ihr Mann ist unterwegs, wie sie sagt, vielleicht zu unserem Pech, denken wir. Denn mit jedem Mann muss das Verhandeln über Notwendigkeiten angenehmer sein als mit dieser bösartigen Frau. Drei, vier Offiziere will sie wohl aufnehmen, aber Mannschaften! Stellen Sie sich doch nur vor, wie die das Haus zurichten. Es ist ein gepflegtes Haus, das ich mir nicht ruinieren lassen will!

Natürlich muss Maidame auch Mannschaften aufnehmen, denn ihre blödsinnigen Vorurteile interessieren uns herzlich wenig. Was im Schloss keinen Platz hat, wird in den Nebengebäuden untergebracht.

Plötzlich rast Maidame zum Fenster: die Pkw sind in den Schutz der Bäume auf den Rasen gefahren. „Sehen Sie das, sehen Sie das! Die Wagen müssen sofort auf den Kiesweg fahren, kein Auto darf mehr auf den Rasen kommen!

Sie erhält eine kurze Belehrung, dass Zeit ist und uns demzufolge die Fliegerdeckung für unsere Fahrzeuge als wichtiger erscheint als die Pflege von Madams kostbarem Rasen. Sie verlässt uns ganz unvermittelt, ohne Antwort, denn ihr scharfes Ohr hat aus der Küche im Souterrain Geräusche vernommen. Sie eilt also dorthin. Wir benutzen die momentane Bewegungsfreiheit, um auch die anderen Räume des Chateau anzusehen, die Maidame uns nicht gezeigt hat. Die Einrichtung ist ganz nett, aber ein leichter Hauch von „Neureich” liegt über dem Ganzen. Platz genug haben sie jedenfalls, so dass sie unsere Einquartierung überstehen werden. Besonders gut gefällt uns das Studio von Monsieur. Wir betrachten interessiert einige gute englische Stiche, werden aber in dieser höchst harmlosen und friedlichen Beschäftigung von Maidame gestört, die inzwischen dem Treiben der Ordonnanz in der Küche mit geringem Erfolg entgegenzutreten versucht hat, um zu kontrollieren, was für gemeine Pläne wir wieder durchführen wollen. Sie schmeißt uns geradezu aus dem Herrenzimmer hinaus und behandelt uns von nun an, als hätten wir silberne Teelöffel gestohlen. Es ist schwierig, mit solch einer Megäre zu verkehren, denn sie ist ja nun einmal eine Frau, und gegen Frauen ist man ja in gewisser Hinsicht wehrlos.

Pächterwohnung

Samstag, 01. Mai 2010

Wir wohnen heute in einem Pächterwohnung des royalistischen Schlossherrn, das von einer für französische Begriffe ungemein umfangreichen Familie bewohnt wird: Die Leute haben nämlich sechs Kinder. Es sind ebenso prächtige Kinder wie großartige Eltern. Schon bei der Begrüßung fällt einem das reine Französisch auf, das sich in dem anschließenden Gespräch dadurch erklärt, dass der Mann, von Beruf Maurer, in der auf die Weltausstellung folgende Arbeitslosigkeit alle Ersparnisse zusammen nahm und seinen Wohnort Lyon verließ, um mit seiner Familie hierher aufs Land zu gehen. Sie sind also eigentlich Lyoner und darum sprechen sie nicht das in dieser Gegend übliche Platt. Als sie hier herkamen, war das Haus eine bessere Ruine, erzählten sie uns. Vater André besserte es selber aus und machte es zu einem reinlichen Schmuckkasten, das der Familie reichlich Platz zu behaglichem Wohnen bietet. Vater André und der Sohn Archipel arbeiten in der nahen Kleinstadt und in den umliegenden Dörfern, wo sich gerade Arbeit bietet. Mutter und Rosette, die sechzehn jährige Älteste, besorgen das Haus, das Geflügel, das Schwein und den großen Garten. Sie haben sämtlich alle Hände voll zu tun, und wenn der Vater und Archipel mal keine Maurer Arbeit finden, dann gibt es doch immer irgend etwas anderes zu tun, und hier auf dem Lande verhungert niemand. Sie sind zufrieden, diese Menschen, die in der Großstadt geboren sind. Die Mutter hat ihre Freude daran, wie prächtig die kraushaarigen Kleinen gedeihen, die den ganzen Tag draußen sind in Licht und Luft, wie gut sie den Tisch decken kann für all die hungrigen Münder, wie viel friedlicher es hier ist als in der Mietkaserne hinter der Gare du Nord.