Mit ‘wohnen’ getaggte Artikel

Unser Zelt

Dienstag, 11. Mai 2010

Schon der nächste Morgen bringt einen kurzen Sprühregen und lässt uns damit zu Bewusstsein kommen, dass wir uns auf die Dauer nicht mit dem gestern Nachmittag schnell auf die Terrasse neben dem Gärtner Haus gestellten großen Tisch und Stühlen als einzigem Aufenthalts und Speiseraum begnügen können. Es ist ja wunderschön, wenn es trocken ist, aber bei Regen? Dieser Überlegung folgt auf dem Fuß die übliche große Debatte mit dem Thema: was also tun Als bester Plan kristallisiert sich aus dieser Debatte der Bau eines großen, hohen Zeltes aus dem mitgeführten  zahlreichen Zeltbahnen heraus, eines Zeltes, das idyllisch an die hohe Hecke am Teich angelehnt werden soll.

Mit Tatfreudigkeit wird diese Arbeit sofort in Angriff genommen und schon zu Mittag steht ein Zeh, das sich sehen lassen kann. Wo die Zeltbahnen an den Seitenwänden nicht ausreichten, wird eine dichte Wand aus Nadelholzzweigen angebracht, die Zug und Licht vollkommen abhält. Nach einer Schmalseite ist das Zelt offen, ein flaches Zeltdach verlängert hier den luftigen Bau sozusagen um eine gedeckte Veranda.

Jetzt kann uns weder Sonne noch Regen etwas anhaben. Wir freuen uns so kindlich wie der erste Mensch beim Bau seiner ersten Hütte.

Nun gilt unsere nächste Sorge der komfortablen Möbelierung unseres Zeltes, eine Aufgabe, die in wenigen Tagen vollkommen gelöst war.

Rundgang im Schloss

Montag, 10. Mai 2010

Als wir in die Halle des Schlosses treten, die von einem riesigen Bild des Roi Soleil beherrscht. Vor 800 Jahren schon lebten hier die Grafen von Prongues, und die Marmortafel spricht von dem fernen Vorfahren, der mit Wilhelm dem Eroberer aus einem Schloss, das früher hier stand, gegen England fuhr, bei Hastings mitkämpfte und ein großes, mächtiges Geschlecht in England gründete, dessen späte Enkel es nach vielen Jahrhunderten wieder verließen, um in Heimat und Schloss ihrer Altvorderen zurückzukehren. Nur einen Seitenblick können wir auf diese Geschichte um witterte Tafel werfen, denn es gilt, die Herrin des Schlosses zu begrüßen und mit ihr die nun zu treffenden Maßnahmen  zu besprechen.

Die Frau Gräfin entschuldigt ihren Vater, den letzten Grafen von Prongues, wegen seines Alters. Er kann sich um dergleichen nicht mehr bekümmern. Man kommt mit ihr sehr gut aus, denn sie ist entgegenkommend, ohne ihrer Würde als Französin etwas zu vergeben.

Die Gräfin lässt uns nun das Schloss besichtigen und ihre Führung ist hochinteressant. Es gibt keine neu modischen Möbel, kein modernes Bild in den Gängen und Zimmern, nur die umkleideten Heizkörper und die elektrischen Birnen in den antiken Lampen erinnern an das Zeitalter der Technik. Das Schloss ist ganz und gar mit alten Kostbarkeiten eingerichtet, die nicht muffig, sondern lebendig wirken. Die Wände sind mit riesigen Gobelins herrlicher Arbeit bedeckt, überall hängen Gemälde, die einen Ehrenplatz im Museum verdienten und die engen Beziehungen und Verflechtungen der Familie mit der Geschichte Frankreichs andeuten.

Pächterwohnung

Samstag, 01. Mai 2010

Wir wohnen heute in einem Pächterwohnung des royalistischen Schlossherrn, das von einer für französische Begriffe ungemein umfangreichen Familie bewohnt wird: Die Leute haben nämlich sechs Kinder. Es sind ebenso prächtige Kinder wie großartige Eltern. Schon bei der Begrüßung fällt einem das reine Französisch auf, das sich in dem anschließenden Gespräch dadurch erklärt, dass der Mann, von Beruf Maurer, in der auf die Weltausstellung folgende Arbeitslosigkeit alle Ersparnisse zusammen nahm und seinen Wohnort Lyon verließ, um mit seiner Familie hierher aufs Land zu gehen. Sie sind also eigentlich Lyoner und darum sprechen sie nicht das in dieser Gegend übliche Platt. Als sie hier herkamen, war das Haus eine bessere Ruine, erzählten sie uns. Vater André besserte es selber aus und machte es zu einem reinlichen Schmuckkasten, das der Familie reichlich Platz zu behaglichem Wohnen bietet. Vater André und der Sohn Archipel arbeiten in der nahen Kleinstadt und in den umliegenden Dörfern, wo sich gerade Arbeit bietet. Mutter und Rosette, die sechzehn jährige Älteste, besorgen das Haus, das Geflügel, das Schwein und den großen Garten. Sie haben sämtlich alle Hände voll zu tun, und wenn der Vater und Archipel mal keine Maurer Arbeit finden, dann gibt es doch immer irgend etwas anderes zu tun, und hier auf dem Lande verhungert niemand. Sie sind zufrieden, diese Menschen, die in der Großstadt geboren sind. Die Mutter hat ihre Freude daran, wie prächtig die kraushaarigen Kleinen gedeihen, die den ganzen Tag draußen sind in Licht und Luft, wie gut sie den Tisch decken kann für all die hungrigen Münder, wie viel friedlicher es hier ist als in der Mietkaserne hinter der Gare du Nord.